Voller Hörsaal mit Studierenden als Beispiel für Reizüberflutung beim Studieren mit Autismus

Studieren mit Autismus: Warum die Uni so anstrengend sein kann

Autismus im Studium und die unsichtbaren Anforderungen der Uni

Auf dem Papier klingt ein Studium wie die ideale Umgebung. Du suchst dir dein Fach selbst aus, beschäftigst dich jahrelang mit einem Thema in einer Tiefe und niemand schreibt dir vor, wann du zu arbeiten hast. In der Praxis scheitern trotzdem viele autistische Studierende in den ersten Semestern und können sich selbst nicht erklären, warum. Ausgerechnet der letzte Punkt ist nämlich keine Freiheit, sondern der Wegfall jeder Struktur.
In der Schule war alles vorgegeben. Derselbe Raum, dieselben fünfundzwanzig Leute, ein Stundenplan, den jemand anderes gemacht hat, und eine Klassenarbeit, deren Termin vier Wochen vorher an der Tafel stand. Wer damit gut zurechtkam, hatte oft ein ordentliches Abitur. An der Uni fällt dieses Gerüst weg, und es wird durch nichts ersetzt.

Selbstorganisation im Studium mit Autismus

Was im Studium Zeit und Kraft frisst, ist selten der Stoff. Du baust deinen Stundenplan selbst. Dafür musst du wissen, welche Module in welchem Semester angeboten werden, welche aufeinander aufbauen, wie viele Leistungspunkte du brauchst und welche Veranstaltungen sich überschneiden. Die Anmeldung läuft über ein Portal, die Prüfungsanmeldung über ein anderes, die Seminarplätze werden manchmal per Los vergeben und manchmal nach Anmeldezeitpunkt. Jede dieser Sachen hat eine eigene Frist, und die Fristen stehen an verschiedenen Stellen. Vorhersehbarkeit fehlt oft.

Niemand erinnert dich an irgendetwas. Wer die Prüfungsanmeldung um zwei Tage verpasst, schreibt die Klausur nicht mit und verliert ein halbes Jahr. Dazu kommen die Hausarbeiten. Drei Monate Zeit, ein Abgabedatum und nichts dazwischen. Kein Zwischenstand, keine Rückfrage, keine Etappe. Für exekutive Funktionen, die beim Anfangen und beim Aufteilen ohnehin schwächeln, ist das die ungünstigste Aufgabenstellung überhaupt.
Und alles davon läuft parallel zum eigentlichen Lernen, das viele gar nicht als das Problem erleben. Das Fach selbst ist meistens der leichte Teil.

Gruppenarbeiten und soziale Kontakte an der Uni

In der Schule gab es eine Klasse. An der Uni gibt es keine.
Jedes Seminar bringt eine andere Zusammensetzung mit. Nach einem Semester ist die Gruppe wieder aufgelöst, und im nächsten sitzt du neben Leuten, die du nie gesehen hast. Wer Haupt- und Nebenfach studiert, hat das Ganze doppelt. Zwei Fachbereiche, zwei Gebäude, zwei Sekretariate mit eigenen Regeln und zwei Gruppen von Leuten, die einander nie begegnen.
Besonders folgenreich sind die ersten zwei Wochen. In dieser Zeit bilden sich die Lerngruppen, oft in der Kneipe nach der Einführungsveranstaltung oder in einem Chat, von dem niemand offiziell erzählt. Wer diesen Moment verpasst, bekommt drei Jahre lang keine Altklausuren, keine Mitschriften und keinen Hinweis darauf, welcher Dozent wirklich prüft, was im Skript steht. Diese Informationen stehen nirgends, sie laufen ausschließlich über diese Gruppen.
Dazu kommen die Gruppenarbeiten. Fünf Minuten nach der Ankündigung haben sich alle anderen zusammengefunden, und du stehst mit den Übriggebliebenen zusammen. Danach muss ausgehandelt werden, wer was macht, ohne dass jemand die Regeln ausspricht. Am liebsten würdest du alleine arbeiten.

Reizüberflutung und sensorische Belastung an der Uni

Ein Hörsaal mit vierhundert Leuten hat keine feste Sitzordnung. Du suchst dir jedes Mal neu einen Platz, jemand setzt sich neben dich, hinter dir wird getippt, die Lüftung rauscht, und vorn läuft eine Präsentation, die du parallel mitschreiben sollst.
In den zehn Minuten zwischen zwei Veranstaltungen bewegen sich hunderte Menschen durch dieselben Flure. Die Mensa ist um halb eins am vollsten, und die Bibliothek ist in der Prüfungszeit belegt bis zum letzten Platz. Dazu der Weg hin und zurück, oft im vollen Bus.
Nach so einem Tag ist an Energie nichts mehr übrig. Aber dann sollst du nach Hause fahren und die zwanzig Seiten für morgen lesen oder eine schriftliche Hausarbeit abgeben. Das ist der Punkt, an dem viele anfangen, Veranstaltungen ausfallen zu lassen, weil der Abend sonst nicht mehr funktioniert.

Unausgesprochene Regeln und unklare Erwartungen im Studium

Ein großer Teil des Studiums läuft über Sachen, die nirgends stehen.
Wie lang ist eine Hausarbeit, wenn „etwa fünfzehn Seiten“ dasteht? Sind siebzehn zu viel? Was gehört in eine E-Mail an einen Professor und was nicht? Darf man in die Sprechstunde gehen, wenn man nur eine kleine Unklarheit hat, oder gilt das als Zeitverschwendung? Wann ist eine Nachfrage im Seminar erwünscht und wann nervt sie?
Die anderen scheinen das alles zu wissen. Tatsächlich raten sie genauso, es fällt ihnen nur leichter, mit dem Unklaren zu leben.
Dazu kommen Prüfungsaufgaben, die mehrdeutig formuliert sind. „Diskutieren Sie“ heißt an einigen Lehrstühlen etwas anderes als an anderen. Wer eine Aufgabe wörtlich nimmt und drei Lesarten abarbeitet, verliert Zeit, die in der Klausur nicht da ist.

Nachteilsausgleich bei Autismus im Studium

Und jetzt der Teil, den die meisten zu spät entdecken.
Nachteilsausgleiche sind kein Entgegenkommen und kein Bonus, sondern ein Rechtsanspruch. Verankert ist er in der UN-Behindertenrechtskonvention, im Grundgesetz, im Hochschulrahmengesetz und in den Hochschulgesetzen der Länder. Nach § 16 HRG müssen Prüfungsordnungen die Belange von Studierenden mit Behinderung berücksichtigen, damit deren Chancengleichheit gewahrt bleibt.
Viele beantragen trotzdem keinen, und dahinter steckt fast immer dieselbe Sorge. Nämlich die, sich damit einen Vorteil zu verschaffen, den andere nicht haben, und am Ende einen Abschluss in der Hand zu halten, der weniger wert ist.
Ein Nachteilsausgleich verändert aber nicht die Anforderungen, sondern nur die Bedingungen. Du schreibst dieselbe Klausur und musst dasselbe können. Und er erscheint nicht im Zeugnis, denn dort steht ausschließlich deine Note.

Was möglich ist, hängt von deinen konkreten Schwierigkeiten ab. Üblich sind unter anderem:

  • verlängerte Bearbeitungszeit bei Klausuren, oft 25 bis 50 Prozent
  • ein separater Raum statt eines Saals mit zweihundert Leuten
  • Pausen, die nicht auf die Bearbeitungszeit angerechnet werden
  • eine andere Prüfungsform, also mündlich statt schriftlich oder umgekehrt
  • Verlängerung von Abgabefristen für Hausarbeiten
  • Befreiung von der Anwesenheitspflicht bei einzelnen Veranstaltungen
  • Verlängerung der Regelstudienzeit, was auch für das BAföG zählt
  • Nutzung eigener Hilfsmittel wie Gehörschutz

Den Antrag auf einen Nachteilsausgleich stellst du schriftlich beim Prüfungsausschuss oder beim Prüfungsamt, nicht beim einzelnen Dozenten. Er ist in der Regel formlos. Wichtig ist, dass du nicht nur die Diagnose nennst, sondern konkret beschreibst, welche Schwierigkeit sich daraus für welche Prüfungssituation ergibt. Ein Satz wie „ich bin autistisch“ reicht nicht. „In einem Saal mit zweihundert Personen kann ich Geräusche nicht ausblenden, deswegen brauche ich einen Einzelraum“ trifft es viel besser.
Einen Schwerbehindertenausweis brauchst du nicht. Es genügt ein Nachweis der Beeinträchtigung, also ein fachärztliches Attest oder eine Stellungnahme der Stelle, die die Diagnose gestellt hat. Ein ausführlicher Befundbericht aus der Diagnostik erfüllt das meistens, weil darin schon steht, welche Bereiche bei dir betroffen sind. Was genau verlangt wird, unterscheidet sich von Hochschule zu Hochschule.
Stell den Antrag rechtzeitig, also möglichst zu Semesterbeginn und auf keinen Fall erst nach einer verpatzten Klausur. Rückwirkend geht es nicht.
Und geh vorher zur Beratung. An jeder Hochschule gibt es eine Beauftragte oder einen Beauftragten für Studierende mit Behinderung, und diese Stelle muss bei der Entscheidung über deinen Antrag sowieso beteiligt werden. Dort weiß man, wie die Anträge an eurer Uni formuliert sein müssen. Bundesweit berät außerdem die Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung des Deutschen Studierendenwerks.

Ein Studium ist für autistische Menschen nicht zu schwer. Schwierig ist das, was um das Fach herum organisiert werden muss, und dafür gibt es Regelungen. Wer sie kennt und früh nutzt, studiert unter Bedingungen, die zu ihm passen, und wird an derselben Leistung gemessen wie alle anderen.