Junge Frau liegt nachts mit Schlafmaske und Ohrstöpseln wach im Bett – Schlafprobleme bei Autismus und ADHS

Schlafprobleme bei Autismus und ADHS: Warum die Nacht nicht funktioniert

Schlafstörungen bei Autismus und ADHS

In den diagnostischen Kriterien für Autismus taucht Schlaf nicht auf. Bei ADHS auch nicht. Wer die beiden Diagnosebeschreibungen liest, kommt nicht unmittelbar auf die Idee, dass es hier überhaupt Schwierigkeiten geben könnte.
Im Praxisalltag gehören Schlafprobleme dagegen zu den zermürbendsten Belastungen überhaupt. Ein großer Teil der autistischen Erwachsenen schläft schlecht, bei ADHS sieht es genauso aus, und in beiden Fällen begleitet es Betroffene oft schon seit der Kindheit. Die Ratschläge, die es dazu gibt, sind allerdings für andere Nervensysteme gemacht.

Einschlafprobleme bei Autismus

Der Tag hört nicht auf, wenn das Licht ausgeht. Er wird erst noch nachverarbeitet. Du liegst da und gehst eine Bemerkung von nachmittags durch, die du nicht verstanden hast, und beim dritten Durchgang fällt dir die Antwort ein, die du hättest geben können. Solange das grüblerische Denken läuft, beginnt kein Schlaf.
Durch den Rollladenspalt fällt ein Streifen Licht von der Straßenlaterne auf die Wand. Du weißt auch mit geschlossenen Augen, wo er ist, und dein Kopf kommt nicht davon los. Eine halbe Stunde nach dem Zubettgehen stimmt außerdem die Temperatur nicht mehr, nun liegst du unter der Decke zu warm, und ohne sie ist es zu kalt. Beides ist eine Kleinigkeit, aber beides reicht, damit du um halb zwei noch wach bist.

Am deutlichsten wird es bei Geräuschen aus nächster Nähe. Viele autistische Erwachsene brauchen zum Einschlafen absolute Ruhe, und absolut heißt hier wirklich absolut. Das Atmen des Partners im selben Bett kann zu viel sein. Nicht Schnarchen, sondern ruhiges, gleichmäßiges Atmen. Das ist die logische Folge daraus, dass gleichbleibende Geräusche bei dir nicht in den Hintergrund rücken. Ein Ton, der sich nicht abschwächt, bleibt die ganze Nacht so laut wie in der ersten Minute. Viele Paare schlafen deswegen in getrennten Zimmern. Das spricht nicht gegen die Beziehung, im Gegenteil. Es ist eine Lösung, und zwar eine gute.

Und es gibt noch eine biologische Ebene. Melatonin ist das Hormon, mit dem dein Körper den Abend einleitet. Sobald es dunkel wird, steigt der Spiegel an, und das ist das Signal zum Müdewerden. Hergestellt wird es nicht aus dem Nichts, sondern aus Serotonin, und dafür braucht es zwei Enzyme, die nacheinander arbeiten.
Bei einem Teil der autistischen Menschen arbeitet das zweite dieser Enzyme schwächer. Dazu passt ein Befund, der schon lange bekannt ist, nämlich dass bei vielen autistischen Menschen der Serotoninspiegel im Blut erhöht ist. Der Ausgangsstoff liegt also vor, nur wird weniger davon zu Melatonin umgebaut. Am Ende steht abends weniger Melatonin zur Verfügung, und das Einschlafen verschiebt sich nach hinten.

ADHS und der verschobene Schlafrhythmus

Bei ADHS liegt das Problem woanders. Dort liegt die Schwierigkeit weniger beim Einschlafen selbst als bei den Uhrzeiten, zu denen dein Körper müde und wach wird. Die innere Uhr läuft nach hinten verschoben, und das lässt sich messen. Müdigkeit kommt nicht um elf, sondern um zwei, und morgens um sieben ist der Körper mitten in seiner Nacht. Das ist keine schlechte Angewohnheit, sondern ein verschobener Rhythmus, gegen den ein Wecker wenig ausrichtet.

Dazu kommt etwas, das im Englischen einen eigenen Namen hat, nämlich „Revenge Bedtime Procrastination“. Der späte Abend ist die erste Zeit des Tages, die wirklich dir gehört. Den ganzen Tag über hast du funktioniert, dich zusammengerissen und Sachen erledigt, die dir schwergefallen sind. Ab halb elf gehört dir die Wohnung. Jede Stunde, die du davon im Bett verbringst, musst du opfern. Also bleibst du wach, obwohl du genau weißt, wie der Morgen dann sein wird. Der eigentliche Leidensdruck sitzt deswegen auch nicht in der Nacht, sondern am Morgen. Das Aufstehen ist das Problem, nicht das Zubettgehen.
Und daraus wird ein Kreislauf. Zu wenig Schlaf verstärkt Unaufmerksamkeit, Impulsivität und die Schwierigkeit, Gefühle zu regulieren. Wer schlecht geschlafen hat, hat am nächsten Tag stärkere ADHS-Symptome und abends wieder weniger Kraft, etwas anders zu machen.

Schlafprobleme bei Autismus und ADHS zusammen

Der autistische Teil braucht eine feste Abendroutine, die jeden Tag in derselben Reihenfolge und zur selben Zeit abläuft. Ohne sie kommt kein Schlaf. Der ADHS-Teil hält keine Routine durch. Was drei Wochen funktioniert hat, ist in der vierten weg, weil es langweilig geworden ist oder weil etwas anderes wichtiger war. Zwei Anforderungen im selben Kopf, die einander ausschließen. Wer das an sich beobachtet, hält sich für unfähig, dabei ist es schlicht ein Widerspruch in der Sache.

Andere Ursachen für Schlafprobleme

Nicht alles, was nachts schiefläuft, kommt von der Neurodivergenz.
Bei einer Depression wachst du typischerweise früh auf und kommst nicht wieder in den Schlaf. Am Morgen ist dann der Tiefpunkt des Tages. Eine Schlafapnoe dagegen zerlegt die Nacht in viele Stücke, ohne dass du davon wach wirst, und du merkst es erst daran, wie erschöpft du am Tag danach bist. Auch eine Schilddrüsenstörung kann den Rhythmus durcheinander bringen.

Und dann gibt es noch das Restless-Legs-Syndrom. Dieses Kribbeln und der Bewegungsdrang in den Beinen oder sogar dem ganzen Körper am Abend kommen bei ADHS erhöht vor, dies hängt häufig mit einem Eisenmangel zusammen und ist behandelbar. Zwei Blutwerte sagen hier eine ganze Menge aus. Das Ferritin zeigt, wie voll deine Eisenspeicher sind. Bei Restless Legs gilt dabei schon ein Wert als behandlungsbedürftig, der auf dem Laborbogen noch als normal durchgeht, weswegen sich ein Nachfragen lohnt. Der TSH-Wert wiederum zeigt, ob deine Schilddrüse zu viel oder zu wenig arbeitet, und beides stört den Schlaf. Bevor du an deiner Abendroutine feilst, lass diese Sachen ausschließen.

Was bei Schlafproblemen bei Autismus und ADHS hilft

Die üblichen Schlafhygiene-Tipps versagen hier oft, weil sie unterstellen, es hänge am Willen. Wer seit zwanzig Jahren wach liegt, hat ganz sicher kein Motivationsproblem.
Wenn du regelmäßig erst um zwei einschläfst, hilft Licht am Morgen sehr. Helles Licht direkt nach dem Aufstehen, zwanzig Minuten, notfalls eine Tageslichtlampe im Winter. Das zieht die innere Uhr nach vorn, und zwar wirksamer als alles, was du abends tust.

Mach abends jeden Tag dasselbe, und zwar in derselben Reihenfolge. Nicht wegen der Entspannung, sondern weil dein Körper an der immer gleichen Abfolge erkennt, dass gleich Schlafenszeit ist. Je weniger Entscheidungen darin vorkommen, desto besser funktioniert sie.
Nimm die Reize aus dem Schlafzimmer. Häng eine Verdunkelung auf, die wirklich verdunkelt. Gegen Geräusche helfen Ohrstöpsel, oder du legst ein gleichmäßiges Grundgeräusch darüber, das lauter ist als das, was dich stört. Wenn dich die Atemgeräusche deines Partners wachhalten, schlaft in getrennten Betten oder getrennten Zimmern, wenn das möglich ist. Und such dir eine Bettdecke, unter der die Temperatur die ganze Nacht stimmt. Eine Gewichtsdecke hilft einem Teil der Betroffenen deutlich, weil gleichmäßiger Druck sehr beruhigend ist. Andere finden sie unerträglich, das lässt sich nur ausprobieren.

Bei ADHS brauchst du etwas von außen, denn auf einen Vorsatz allein ist abends kein Verlass. Stell dir einen Wecker, der das Zubettgehen ansagt statt das Aufstehen. Wenn jemand mit dir zusammenlebt, hilft es, wenn ihr zur selben Zeit ins Bett geht.
Und leg das Handy am besten früh am Abend in ein anderes Zimmer. Um acht fällt dir das noch leicht. Um Mitternacht schaffst du es nicht mehr, weil du müde bist und das Handy dir ständig etwas Neues liefert, während Schlafengehen nichts bietet, worauf du Lust hättest. Liegt es dann schon in der Küche, musst du dich in diesem Moment gar nicht mehr entscheiden.
Und die wirksamste Behandlung bei anhaltender Insomnie (Schlaflosigkeit) ist keine Tablette, sondern eine kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie, kurz KVT-I. Sie steht in der aktuellen Leitlinie an erster Stelle, auch vor jeder Medikation.

Medikamente bei Schlafproblemen

Viele lehnen jede Schlafmedikation ab, und der Grund ist fast immer derselbe. Sie haben von Abhängigkeit gehört oder sie selbst sogar schon erlebt. Diese Sorge gilt für eine bestimmte Gruppe, nämlich Benzodiazepine und die sogenannten Z-Substanzen (bspw. Zolpidem oder Zopiclon). Die machen tatsächlich abhängig, und zwar schnell.

Sedierende Antidepressiva funktionieren anders. Der Name stiftet dabei erst mal Verwirrung, denn du willst schlafen und bist nicht depressiv. Er sagt allerdings nur, wofür diese Substanzen ursprünglich zugelassen worden sind. Die schlaffördernde Wirkung läuft über einen anderen Weg im Gehirn und setzt schon bei Dosierungen ein, die unter denen liegen, mit denen eine Depression behandelt wird. Wer abends eine kleine Dosis einnimmt, wird damit nicht gegen eine Depression behandelt, sondern ausschließlich beim Schlafen unterstützt. Sie erzeugen keine Euphorie, und ohne diese entsteht auch kein Verlangen danach. Die Dosis muss auch nach Monaten nicht erhöht werden, damit sie noch wirkt. Eine psychische Abhängigkeit im eigentlichen Sinn gibt es hier nicht. Die aktuelle Leitlinie nennt Doxepin und Trazodon als wirksam, allerdings im Off-Label-Gebrauch und ausdrücklich nicht für eine Dauerbehandlung. Daneben gibt es weitere schlaffördernde Antidepressiva.
Nicht abhängig machend heißt dabei nicht nebenwirkungsfrei. Diese Substanzen haben ein eigenes Profil, von Gewichtszunahme über Kreislaufwirkungen bis zu Effekten auf das Herz. Und beim Absetzen kann der Schlaf für ein paar Nächte schlechter werden als vorher, bevor er sich wieder einpendelt.

Gegenüber niedrig dosierten Neuroleptika ist die Leitlinie deutlich zurückhaltender. Ohne eine entsprechende psychiatrische Indikation rät sie von ihnen ab, wegen unzureichender Daten und wegen der Nebenwirkungen. In der Praxis werden sie trotzdem verordnet.

Deutlich harmloser als alles bisher Genannte ist das Melatonin. Es ist ein Hormon, das dein Körper ohnehin herstellt, es macht nicht abhängig, und die Nebenwirkungen bleiben meistens bei leichten Kopfschmerzen oder etwas Benommenheit am nächsten Morgen.
Zwei Einschränkungen gibt es trotzdem. Es gibt Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, deine Ärztin sollte also davon wissen. Und bei den frei verkäuflichen Präparaten aus Drogerie und Supermarkt wird der tatsächliche Gehalt nicht geprüft, er kann deutlich von dem abweichen, was auf der Packung steht.
Die Rechtslage in Deutschland ist dabei verwirrend. Als Arzneimittel ist Melatonin verschreibungspflichtig, während in Drogerien und Supermärkten Präparate als Nahrungsergänzungsmittel im Regal stehen.
Zugelassene Melatonin-Arzneimittel gibt es hierzulande nur für bestimmte Gruppen. Kinder und Jugendliche mit Autismus oder ADHS bekommen ein Präparat mit verzögerter Freisetzung, ab 55 Jahren steht eines zur kurzzeitigen Behandlung bereit. Wer erwachsen und jünger ist, bewegt sich damit außerhalb der Zulassung. Erlaubt ist das trotzdem.
Was davon für dich infrage kommt, entscheidet deine Ärztin und nicht ein Blogartikel. Du kannst aber mit einem klaren Satz in die Sprechstunde gehen, nämlich: „Ich hätte gern etwas, das nicht abhängig macht.“

Schlaf ist bei Autismus und ADHS einer der wirksamsten Ansatzpunkte überhaupt. Schlechter Schlaf verstärkt beide Diagnosen in allen Bereichen, also verbessert besserer Schlaf auch alles andere mit. Es ist die Baustelle, an der sich der Aufwand am schnellsten bemerkbar macht.