Warum Duschen bei Autismus und ADHS zur Hürde wird
Seit Dienstag hängt das Handtuch trocken über der Heizung. Du weißt das, du gehst jeden Tag daran vorbei, und trotzdem passiert nichts. Mit Faulheit hat das nichts zu tun. Vorgenommen hast du es dir seit Dienstag jeden Abend.
Über kaum etwas wird so wenig geredet. Wer es doch anspricht, tut es leise und mit einer Entschuldigung davor und rechnet damit, dass gleich der Rat kommt, sich einfach zusammenzureißen. Der Rat hilft nicht, weil das Problem woanders sitzt.
Duschen sieht nach einer einzigen Handlung aus. Tatsächlich besteht es aus einer langen Kette. Ausziehen, Wasser anstellen, Temperatur treffen, hineingehen, waschen, ausspülen, heraussteigen, abtrocknen, anziehen, Haare trocknen. Jeder dieser Schritte ist ein Wechsel, und Wechsel sind der Teil, der bei Autismus und ADHS Kraft frisst.
Wer das jahrelang kennt, hat außerdem gelernt, es zu verstecken. Die Haare kommen zusammengebunden unter eine Mütze, und der dunkle Pullover geht am vierten Tag noch durch. Auch das Verstecken ist Arbeit, nur bemerkt es niemand.
Sensorische Reize beim Duschen und Autismus
Im Bad prasselt eine Menge auf einmal auf dich ein. Hunderte Wassertropfen treffen die Haut, die Haut geht ohne Zwischenschritt von Zimmertemperatur auf erst kaltes und dann heißes Wasser, und der Dampf nimmt dir das Sehen und einen Teil des Hörens. Für ein Nervensystem, das Reize ohnehin ungefiltert durchlässt, ist das kein Erholungsmoment, sondern ein Termin.
Der Übergang ist der schwerste Teil. Angezogen und trocken zu sein, ist ein Zustand. Nackt und nass ein anderer, und dazwischen liegt eine Sekunde, in der beides nicht stimmt. Dasselbe passiert beim Heraussteigen, wenn die Luft im Bad plötzlich kalt wirkt und das Handtuch auf der Haut kratzt statt zu wärmen.
Danach ist es nicht vorbei. Nasse Haare liegen schwer im Nacken, der Kragen wird feucht, und bis alles wieder so ist, wie es sein soll, vergeht eine halbe Stunde. Wer das kennt, verschiebt die Sache auf den Abend und dann auf morgen.
Nicht bei allen führt das zum Vermeiden. Ein Teil der autistischen Erwachsenen steht vierzig Minuten unter dem Wasser und könnte noch länger bleiben, weil der gleichmäßige Strahl auf dem Rücken das Beste ist, was der ganze Tag zu bieten hat. Der Wechsel zurück in die kalte Luft ist dann die eigentliche Hürde.
Warum der Anfang bei ADHS das Problem ist
Bei ADHS liegt es seltener am Wasser. Das Duschen hat schlicht nichts, was den Kopf dazu bringt, jetzt aufzustehen. Es ist bekannt, es ist langweilig, und wenn du es heute lässt, passiert erst einmal nichts. Der Antrieb, der bei einer neuen Idee sofort da ist, fehlt hier vollständig.
Vom Sofa aus wirkt es außerdem größer, als es ist. Zwölf Minuten wären es tatsächlich, gefühlt sind es vierzig, und darum schiebst du es auf nach der Serie, dann auf nach dem nächsten Video, und um halb eins hat sich die Sache erledigt. Am nächsten Morgen fängt dasselbe Planen von vorn an.
Treffen beide Neurodivergenzen zusammen, addiert sich das. Der Anfang fällt schwer, und die Reize am Ende der Kette machen es nicht attraktiver. Zwischen dem Wissen, dass du duschen solltest, und dem Aufstehen liegen dann zwei Stunden auf dem Sofa.
Scham und warum sie alles schwerer macht
Das eigentliche Problem beginnt danach. Wer drei Tage nicht geduscht hat, geht nicht mehr gern unter Leute, sagt die Verabredung ab und bleibt zu Hause. Da bleibt das Handtuch trocken, und aus drei Tagen werden fünf.
Dazu kommt, wie schnell so etwas gedeutet wird. Ein Partner fragt, ob etwas nicht stimmt. Eine Ärztin notiert Vernachlässigung der Körperpflege und denkt an eine Depression. Beides ist gut gemeint aber trifft die Sache nicht, solange niemand nach der Kette aus zehn Schritten fragt.
Im Job wird daraus schnell etwas anderes. Eine Bemerkung in der Teeküche reicht, und von da an prüfst du jeden Morgen vor dem Losgehen, ob dir jemand etwas ansieht.
Eine Depression sieht anders aus, auch wenn das Ergebnis im Bad dasselbe ist. Dort verschwindet die Freude an allem, auch an den Dingen, die sonst möglich sind. Bleibt dein Spezialinteresse lebendig und funktioniert alles andere weiter, während ausgerechnet das Duschen liegen bleibt, spricht das eher für eine gewisse Hürde als für eine Erkrankung. Hält der Zustand über Wochen an und zieht alles andere mit, solltest du trotzdem mal hinschauen.
Was das Duschen bei Autismus und ADHS leichter macht
Der größte Hebel liegt darin, die Kette kürzer zu machen. Ein Shampoo im Bad statt vier, damit keine Wahl ansteht. Das Handtuch schon vorher auf der Heizung, damit der Ausstieg nicht in kalte Luft führt. Die frischen Sachen griffbereit auf dem Hocker, damit nach dem Abtrocknen kein weiterer Weg wartet.
Es hilft mehr, das Duschen an etwas zu koppeln, das sowieso passiert, als es sich separat vorzunehmen. Immer direkt nach der Arbeit, bevor du dich hinsetzt, weil das Aufstehen vom Sofa der Teil ist, der später nicht mehr gelingt. Andere duschen abends nach dem Sport, weil sie dann schon im Bad stehen und die halbe Strecke hinter sich haben.
Erlaubt ist außerdem, den Anspruch zu senken. An schlechten Tagen reicht eine Wäsche am Waschbecken, und Trockenshampoo ist keine Niederlage, sondern ein Werkzeug. Täglich duschen muss niemand, die Haut braucht das nicht, und wer sich diesen Maßstab abgewöhnt, verliert einen Teil des Drucks gleich mit.
Weiter hilft eine Belohnung, die es nur unter der Dusche gibt. Eine bestimmte Playlist, ein Hörbuch, das sonst pausiert bleibt. Für einen Kopf, der Antrieb aus Neuem zieht, ist das der Unterschied zwischen Pflicht und Angebot.
Wenn jemand mit dir zusammenlebt, hilft es, die Sache einmal auszusprechen. Sag, dass du gerade nicht ins Bad kommst. Sonst sucht der andere den Grund bei sich.
Und wenn gar nichts geht, schau dir den Tag davor an. Ein voller Terminkalender, eine Reise, ein Streit oder eine Woche mit zu vielen Menschen. Was im Bad liegen bleibt, ist der erste Bereich, der nachgibt, wenn die Belastung steigt. Das Duschen ist dann nicht das Problem, sondern zeigt dir nur, dass alles grade ein bisschen viel ist.

