Autismus – Grundlagen

Autismus - was ist das? - Ein goldener Schlüssel liegt auf einem Holzzaun.

Autismus – was bedeutet das eigentlich?

Autismus ist keine Krankheit, die geheilt werden muss, sondern eine Form, die Welt wahrzunehmen, zu denken und zu verarbeiten. Autistische Menschen erleben ihre Umwelt oft sehr intensiv. Reize werden anders gefiltert, soziale Situationen anders eingeordnet, Kommunikation anders verstanden. Das kann bereichernd sein, aber auch dauerhaft anstrengend.
Autismus zeigt sich nicht nur im Denken oder im sozialen Miteinander, sondern oft sehr konkret im Alltag. In der Wahrnehmung, in der Verarbeitung von Geräuschen, Licht, Gerüchen oder Berührungen. In dem hohen Maß an innerer Regulation, das nötig ist, um durch scheinbar normale Situationen zu kommen. Vieles davon bleibt für andere unsichtbar, prägt das eigene Erleben jedoch ganz wesentlich.
Autistische Merkmale sind vielfältig. Sie lassen sich nicht in starre Kategorien pressen. Manche Menschen brauchen klare Strukturen und Vorhersehbarkeit, andere bewegen sich flexibel durch komplexe Themen, verlieren dabei aber schnell Energie. Smalltalk wird oft als sinnlos empfunden, während sachliche oder tiefgehende Gespräche als deutlich angenehmer erlebt werden. Häufig bestehen besondere Interessen, eine hohe Detailgenauigkeit, ein starkes Gerechtigkeitsempfinden und ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl.
Gleichzeitig kann der Alltag sehr fordernd sein. Soziale Anforderungen, unklare Erwartungen oder ständige Reizbelastung führen nicht selten zu Erschöpfung, Rückzug oder innerer Anspannung. Viele autistische Menschen lernen früh, sich anzupassen. Sie beobachten genau, passen ihr Verhalten an, kontrollieren Reaktionen und kompensieren vieles. Dieses sogenannte Masking kann nach außen gut funktionieren, kostet innerlich jedoch oft sehr viel Kraft.

Autismus im Erwachsenenalter

Im Erwachsenenalter zeigt sich Autismus häufig weniger offen als in der Kindheit. Die meisten Menschen haben über Jahre Strategien entwickelt, um zu funktionieren. Beruf, Beziehungen und Alltag werden bewältigt, oft mit hohem Einsatz. Gleichzeitig bleibt das Gefühl, ständig mitdenken zu müssen, selten wirklich abschalten zu können oder immer ein Stück „daneben“ zu stehen.
Viele kommen nicht wegen ihres Autismus in eine Praxis, sondern wegen der Folgen dieser dauerhaften Anpassung. Erschöpfung, depressive Verstimmungen, Ängste oder ein Gefühl von innerer Leere sind häufige Gründe. Nicht, weil Autismus an sich problematisch wäre, sondern weil das Umfeld oft nicht dazu passt.

Klassifikation und heutiges Verständnis

Mit dem ICD-11 wird Autismus nicht mehr in einzelne Unterformen unterteilt, sondern als Autismus-Spektrum beschrieben. Dieser Begriff trägt der Vielfalt autistischer Ausprägungen besser Rechnung. Es geht weniger darum, jemanden einer bestimmten Kategorie zuzuordnen, sondern darum, das individuelle Profil zu verstehen. Stärken, Herausforderungen, Ressourcen und Belastungen.
Dieses Verständnis ist besonders im Erwachsenenalter hilfreich. Viele Menschen passen nicht eindeutig in frühere Schubladen. Das bedeutet nicht, dass ihre Erfahrungen weniger relevant sind. Im Gegenteil.

Begleitende Belastungen und Überschneidungen

Autismus tritt häufig gemeinsam mit anderen neurodivergenten oder psychischen Besonderheiten auf. Besonders häufig besteht eine zusätzliche ADHS, manchmal lange unerkannt. Konzentrationsschwierigkeiten, innere Unruhe, Impulsivität oder Probleme mit Organisation können sowohl Teil einer ADHS als auch Ausdruck von Überlastung sein.
Auch hier gilt: Es geht nicht um Entweder-oder. In meiner Praxis ist eine kombinierte Betrachtung ausdrücklich möglich. Autismus und ADHS schließen sich nicht aus. Eine differenzierte Einordnung hilft oft, das eigene Erleben besser zu verstehen und passende Wege zu finden.

Stärken nicht aus dem Blick verlieren

Bei aller Belastung geraten die Stärken autistischer Menschen im Alltag oft zu sehr in den Hintergrund. Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Tiefgang, Ausdauer, fachliche Kompetenz und ein klarer Wertekompass sind keine Nebensächlichkeiten. Sie gehören genauso zum Gesamtbild wie die Herausforderungen.
Mir ist wichtig, Autismus nicht auf Defizite zu reduzieren. Eine diagnostische oder therapeutische Begleitung sollte nicht versuchen, jemanden zu verändern, sondern dabei unterstützen, sich selbst besser zu verstehen und den eigenen Platz im Leben stimmiger zu gestalten.