Autismus-Diagnostik bei Erwachsenen im Gespräch zwischen Therapeutin und Patient während einer strukturierten diagnostischen Sitzung

Autismus-Diagnostik bei Erwachsenen: Das Testverfahren MIGDAS

Strukturierte, moderne Autismus-Diagnostik

Wir werden oft gefragt, welche Testverfahren wir in der Autismus-Diagnostik verwenden. Lange Zeit galten vor allem der ADOS-2 und das Elterninterview ADI-R als sogenannter „Goldstandard“. Beide Verfahren wurden ursprünglich für Kinder entwickelt und später auch bei Erwachsenen eingesetzt. In der Praxis zeigt sich jedoch immer wieder ein bekanntes Problem. Gerade bei hoch angepassten erwachsenen Menschen mit Autismus fallen diese Verfahren nicht selten unauffällig aus, obwohl später eine Autismus-Diagnose im Erwachsenenalter gestellt wird.
Der ADOS-2 ist eine reine Beobachtungsskala. Es wird also bewertet, welches Verhalten während bestimmter Aufgaben sichtbar wird. Viele Erwachsene haben jedoch über Jahre hinweg gelernt, soziale Regeln bewusst zu imitieren oder Unsicherheiten zu überspielen. Anpassungsstrategien wie Masking oder Camouflaging werden in diesen Verfahren kaum erfasst. Auch das ADI-R, obwohl es als Interview aufgebaut ist, orientiert sich stark an beobachtbaren Verhaltensbeschreibungen und frühen Entwicklungsmerkmalen und kann ausgeprägte Anpassungsstrategien im Kindes- und Erwachsenenalter nur begrenzt abbilden. Für Betroffene kann es deshalb sehr irritierend sein, wenn ihre eigene Lebensgeschichte und ihr Erleben deutlich auf Autismus hinweisen, die Testergebnisse jedoch unauffällig erscheinen.

Ein einfaches Beispiel ist der Blickkontakt. Viele Erwachsene mit Autismus haben über Jahre gelernt, Blickkontakt bewusst zu halten, weil sie wissen, dass dies sozial erwartet wird. In einer Testsituation wirkt der Blickkontakt daher oft völlig unauffällig. Beobachtet man nur das Verhalten, entsteht der Eindruck, dass hier keine Auffälligkeit vorliegt. Fragt man jedoch genauer nach, schildern viele Betroffene, dass sich Blickkontakt sehr anstrengend anfühlt, dass sie währenddessen schlechter zuhören können oder dass sie bewusst Strategien nutzen, um den Blickkontakt zu dosieren. Solche inneren Erfahrungen lassen sich durch reine Beobachtung kaum erfassen.
Ein ähnliches Problem zeigt sich im Bereich der Sensorik. Während einer Testsituation können sensorische Besonderheiten völlig unauffällig wirken, weil die Umgebung relativ reizarm ist. Viele autistische Erwachsene berichten jedoch über starke Überempfindlichkeiten gegenüber Geräuschen, Licht, Gerüchen oder bestimmten Stoffen auf der Haut. Diese sensorischen Erfahrungen prägen den Alltag oft stark, sind aber in einer kurzen Beobachtungssituation nicht unbedingt sichtbar.
Aus diesem Grund bieten wir in unserer Praxis eine strukturierte, moderne Autismus-Diagnostik an, die stärker auf die Besonderheiten des Erwachsenenalters abgestimmt ist. Zentrales Verfahren dieser Diagnostik ist das MIGDAS, die „Monteiro Interview Guidelines for Diagnosing the Autism Spectrum“.

Das MIGDAS als zentrales diagnostisches Verfahren

Das MIGDAS ist kein reiner Beobachtungstest, sondern ein strukturiertes diagnostisches Interview, das deutlich stärker anamnestisch aufgebaut ist. Statt ausschließlich sichtbares Verhalten während einzelner Aufgaben zu bewerten, wird gezielt erfasst, wie eine Person soziale Situationen wahrnimmt, Informationen verarbeitet und ihre Lebensgeschichte beschreibt. Dadurch lassen sich autistische Wahrnehmungs- und Denkweisen häufig deutlich klarer erkennen als in rein beobachtungsbasierten Verfahren.
Gerade bei Themen wie Blickkontakt, sozialer Überforderung, sensorischer Wahrnehmung oder inneren Kompensationsstrategien zeigt sich dieser Unterschied besonders deutlich. Während im ADOS vor allem bewertet wird, wie eine Person in einer bestimmten Situation wirkt, interessiert uns im MIGDAS stärker, wie sich diese Situation für die betroffene Person tatsächlich anfühlt und welche Strategien sie im Alltag entwickelt hat.
Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass das MIGDAS kein umfangreiches physisches Testmaterial benötigt. Während der ADOS zahlreiche Materialien und Aufgaben enthält und daher ausschließlich vor Ort durchgeführt werden kann, ist das MIGDAS sowohl in der Praxis als auch online möglich. Die Durchführung dauert in der Regel etwa 90 bis 120 Minuten. Vor dem Gespräch füllen Patientinnen und Patienten mehrere Fragebögen aus, die wichtige Bereiche der Autismus-Symptomatik bereits strukturiert erfassen.
Auch das klassische Elterninterview ADI-R wird in unserer strukturierten Erwachsenen-Diagnostik in der Regel nicht durchgeführt. Stattdessen nutzen wir den „Fragebogen zur sozialen Kommunikation“ (FSK), der als Kurzskala des Elterninterviews gestaltet ist. In der Praxis zeigt sich eine sehr hohe Übereinstimmung zwischen beiden Verfahren. Ist der FSK auffällig, wäre in der Regel auch das ausführliche ADI-R auffällig und umgekehrt. Gleichzeitig können erwachsene Menschen ihre eigene Wahrnehmung und Entwicklung meist sehr differenziert selbst schildern, sodass ein umfangreiches Elterninterview häufig nicht notwendig ist und es möglich ist, mit dem FSK effizienter vorzugehen.

Einordnung der klassischen Verfahren

Die Schwierigkeiten der klassischen Verfahren sind uns selbstverständlich bekannt. Aus diesem Grund ergänzen wir in unserer ausführlichen, traditionellen Diagnostikform mit ADOS-2 und ADI-R diese Verfahren immer durch eine umfangreiche, Erwachsenen-spezifische Autismus-Anamnese. Dabei hinterfragen wir viele Aspekte gezielt und verlassen uns nicht ausschließlich auf die reine Beobachtung während der Testsituation. Dadurch stellen wir sicher, dass auch dann eine fundierte diagnostische Einordnung möglich ist, wenn ADOS-2 oder ADI-R aufgrund von Anpassungsstrategien unauffällige Werte liefern.

Am Ende geht es in der Autismus-Diagnostik nicht um einen einzelnen Testwert, sondern um ein stimmiges Gesamtbild aus Lebensgeschichte, Wahrnehmung, Verhalten und diagnostischen Verfahren, auf dessen Grundlage eine fundierte Autismus-Diagnose möglich wird. Genau darauf ist unsere strukturierte, aber auch unsere ausführliche, traditionelle Diagnostik bei Erwachsenen ausgerichtet.