Paar im Gespräch über Konflikte in einer neurodivergenten Beziehung mit Autismus oder ADHS

Neurodivergente Beziehungen bei Autismus und ADHS: Wenn nur einer neurodivergent ist

Beziehungen zwischen neurodivergenten und neurotypischen Partnern

Über neurodivergente Paare wird fast immer so geschrieben, als wären beide neurodivergent. Der häufigere Fall sieht anders aus. Einer hat Autismus und/oder ADHS, der andere nicht, und beide verstehen nicht, warum dieselben Situationen seit Jahren gleich schieflaufen. Der Rat, den beide bekommen, lautet dann, sie sollten besser miteinander reden. Das hilft nur wenig, weil es am Reden selten liegt.

Damit dieser Text lesbar bleibt, ist die neurodivergente Partnerin hier durchgehend eine Frau und der nicht-neurodivergente Partner ein Mann. In der Praxis ist es natürlich genauso oft andersherum.

Warum sich beide in der Beziehung unverstanden fühlen

In den meisten dieser Beziehungen gibt es keinen „Bösewicht”. Es gibt zwei Leute, die dieselbe Sprache benutzen aber etwas anderes damit meinen.
Er sagt, er will einen schönen Abend. Gemeint ist, zu zweit weggehen und Leute sehen. Sie sagt, sie will auch einen schönen Abend. Gemeint ist, nebeneinander auf dem Sofa sitzen, jeder mit seiner Sache beschäftigt, niemand redet. Beide sagen ja zu einem schönen Abend und meinen das Gegenteil voneinander.
Solange keiner ausspricht, was damit gemeint ist, wiederholt sich das jedes Wochenende. Und mit jeder Wiederholung wächst auf beiden Seiten der Verdacht, dem anderen sei die Beziehung nicht wichtig genug.

Unterschiedliche Bedürfnisse nach Nähe, Ruhe und Aktivität

Hier liegt der häufigste Streitpunkt, und er hat wenig mit Zuneigung zu tun.
Nach einem Tag mit vielen Menschen ist bei ihr keine Energie mehr übrig. Nicht müde im üblichen Sinn, sondern leer. Was jetzt hilft, ist eine Stunde ohne Reden, ohne Fernseher, ohne jemanden im Raum. Nach dieser Stunde geht dann auch ein Abend zu zweit.
Für ihn sieht das aus wie Rückzug. Er hat sich auf den Abend gefreut, und kaum ist die Wohnungstür zu, verschwindet sie im Schlafzimmer. Zwanzig Mal nimmt er das nicht persönlich. Beim einundzwanzigsten Mal schon.

Bei ADHS ist es weniger vorhersehbar, denn dort gibt es meistens nur zwei Einstellungen. Volle Leistung oder gar nichts. Hat sie sich tagsüber verausgabt, kommt sie nach Hause und fällt von einem Moment auf den anderen in sich zusammen. Vorher war davon nichts zu merken, weil ein langsames Nachlassen der Kraft nicht vorkommt.

An anderen Tagen ist abends durchaus Energie da, nur landet sie nicht bei ihm, sondern in dem, was sie gerade gepackt hat. Sie sitzt bis halb zwei über einem Thema, das gestern noch keine Bedeutung hatte, und merkt nicht, dass er seit drei Stunden allein im Wohnzimmer sitzt.
Für ihn ist das der schwierigere Teil. Bei Autismus lässt sich der Abend ungefähr vorhersagen. Bei ADHS weiß am Nachmittag noch niemand, welcher von beiden Abenden es wird.
Auflösen lässt sich das nur, wenn sie es vorher ausspricht. Ein Satz beim Reinkommen reicht. „Ich brauche eine Stunde, danach bin ich da“.

Autismus und ADHS verändern Planung und Zeitgefühl

Die zweite Bruchstelle liegt beim Zeitgefühl, und sie funktioniert in beide Richtungen.
Ist sie autistisch, braucht sie Vorlauf. Nicht aus Prinzip, sondern weil ein Wechsel von einer Sache zur nächsten bei ihr Zeit frisst. Steht er am Samstag um elf mit der Idee im Raum, jetzt spontan an den See zu fahren, kommt ein Nein, obwohl der See eine gute Idee wäre. Das Nein gilt nicht dem See, sondern dem Jetzt.

Bei ADHS läuft es umgekehrt. Dort entsteht die Idee um elf und will um zwölf umgesetzt werden, weil sie bis Sonntag sowieso weg ist. Verabredet er mit ihr drei Wochen vorher etwas für Samstag, sitzt ihm am Samstag jemand gegenüber, der keine Lust mehr hat und nicht erklären kann, warum. Der Antrieb ist damals aus der Idee selbst gekommen, und die war neu. Drei Wochen später ist sie das nicht mehr, und übrig bleibt nur die Verpflichtung.
Hat sie beide Neurodivergenzen, bekommt er auch beides zu sehen, und zwar ohne Vorwarnung, was gerade dran ist.

Wenn Zuwendung und Kommunikation unterschiedlich verstanden werden

Ein großer Teil der Streitigkeiten dreht sich darum, ob der andere seine Zuneigung überhaupt zeigt.
Er erzählt von einem schwierigen Tag. Sie hört zu und antwortet mit einem Vorschlag, wie sich das lösen lässt. Für sie ist das die höchste Form von Zuwendung, denn sie hat mitgedacht. Für ihn ist es das Gegenteil, denn er wollte nicht, dass jemand etwas repariert.
Umgekehrt übersieht er Zuwendung, die nicht wie Zuwendung aussieht. Sie weiß seit Jahren, aus welcher Tasse er trinkt, welches Brot er isst und auf welcher Seite er schläft. Damit hat sie ihm über Jahre sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt. Auch das ist Zuneigung. Erkannt wird sie nur selten als solche, weil sie nie etwas dazu sagt.
Dazu kommt die Sprache selbst, und hier hakt es in beide Richtungen. In die eine Richtung kommt Gemeintes nicht an. Andeutungen, Ironie und Sarkasmus setzen voraus, dass jemand zwischen den Zeilen mitliest, was nicht gesagt wurde. Sagt er, die Mülltüte sei ziemlich voll, bekommt er ein Ja und keinen geleerten Mülleimer. Der Satz ist als Feststellung über die Mülltüte angekommen und nicht als Bitte, den Müll wegzubringen, denn als Bitte stand er nicht da. Genauso kann eine sachliche Rückmeldung von ihr sehr hart treffen, wenn sie nicht sprachlich abgefedert wurde, auch wenn sie freundlich gemeint war.
In die andere Richtung liest er etwas, was nie dagestanden hat. Sie sagt, das Essen sei salzig. Gemeint ist damit nur die Sachebene, also dass viel Salz darin ist. Ob salzig gut oder schlecht ist, steht in dem Satz überhaupt nicht drin. Für sie kann es sogar das Beste am ganzen Abendessen gewesen sein. Er ergänzt die fehlende Bewertung dann selbst durch Interpretation, und zwar im Zweifel die negative. Angekommen ist eine Kritik an seinem Kochen. Danach wird über eine Kränkung gestritten, die in keinem einzigen Satz gestanden hat.

Konflikte und Streit bei Autismus und ADHS

Beim Streiten selbst sind sich Paare meistens noch ähnlich. Danach trennen sich die Wege.
Ist sie autistisch, muss sie nachdenken, bevor sie etwas dazu sagen kann. Nicht zwei Stunden, sondern manchmal Tage und in schweren Fällen Wochen. Die Sache wird in dieser Zeit von allen Seiten durchleuchtet, und erst am Ende kommt ein Statement, das wirklich stimmt. Für ihn fühlt sich diese Zeit wie Bestrafung an. Er sitzt in einer Wohnung, in der nichts geklärt ist, und bekommt auf Nachfragen keine Antwort.

Bei ADHS läuft es umgekehrt und viel schneller. Da kommt der Ausbruch sofort, laut und heftiger, als die Sache es hergibt. Danach zieht sie sich zurück, und eine Stunde später tut es ihr leid. Die Entschuldigung kommt von allein. Anstrengend bleibt es für ihn trotzdem, weil er in dieser Stunde nicht weiß, woran er ist.
Dazu kommt, dass Kränkung bei ADHS sehr viel schneller entsteht. Ein knapper Satz, ein Tonfall, eine Nachricht ohne Emoji, und ihre Reaktion fällt stärker aus, als der Anlass vermuten lässt. Manchmal folgt darauf ein Grübeln, das sich panisch anfühlt und stundenlang läuft. Wer das von sich selbst nicht kennt, hält es für maßlos übertrieben.
Nichts davon ist Absicht, und nichts davon geht weg, wenn man den anderen drängt.

Wenn der neurotypische Partner immer mehr übernimmt

Bisher ging es darum, was sie braucht. Er zahlt allerdings auch einen Preis dafür, und darüber wird selten geschrieben.
Er organisiert. Er denkt an Termine, an Geburtstage, an die Steuer, an das Auto. Nicht, weil er das gern macht, sondern weil es sonst liegen bleibt. Irgendwann ist aus zwei Erwachsenen ein Paar geworden, in dem einer den anderen „verwaltet“. Dieses Gefälle macht Beziehungen kaputt, und zwar von beiden Seiten aus. Wer verwaltet wird, fühlt sich wie ein Kind. Wer verwaltet, ist irgendwann nicht mehr verliebt, sondern zuständig.
Dazu kommt, dass ihre Diagnose ihm jede Beschwerde schwer macht. Sagt er, er hätte gern öfter Besuch, steht er schnell da wie jemand, der keine Rücksicht nimmt. Das führt dazu, dass er seine eigenen Bedürfnisse irgendwann einfach nicht mehr äußert. Und wer das ein paar Jahre durchhält, ist danach müde und unzufrieden, ohne einen konkreten Anlass benennen zu können.
Beide Seiten haben Bedürfnisse. Eine Diagnose auf der einen Seite macht die Bedürfnisse der anderen nicht weniger wichtig.

Was eine späte Autismus- oder ADHS-Diagnose in der Beziehung verändert

Für sie ist die Diagnose meistens eine Erleichterung. Für ihn ist sie das nicht unbedingt.
Er interpretiert fünfzehn Jahre Beziehung neu. Der Streit von damals bekommt eine andere Erklärung, die Enttäuschung von damals auch, und dazwischen steht die unangenehme Ahnung, er hätte es früher merken müssen.

Und dann kommt etwas, das fast jedes Paar überrascht. Nach der Diagnose lässt ihr Masking nach, jedenfalls zu Hause. Die Anstrengung, den ganzen Tag über unauffällig zu wirken, hört an der Wohnungstür auf. Für sie ist das der erste Ort, an dem sie sich ausruhen kann. Für ihn sieht es aus, als wäre alles schlechter geworden. Plötzlich sind da Kopfhörer am Abendbrottisch, Kommunikation fällt schwerer, das Licht muss gedimmt werden. Schlechter geworden ist aber nichts, nur sichtbar. Wer das nicht weiß, hält es für eine Verschlechterung und macht sich Sorgen, dass es so weitergeht.

Was neurodivergenten Paaren im Alltag wirklich hilft

Sprecht Bedürfnisse aus, bevor sie zum Streit werden. Nicht als Diagnose, sondern als Auskunft. „Ich brauche nach der Arbeit eine Stunde“. „Ich brauche bei Verabredungen zwei Tage Vorlauf“. „Ich merke Andeutungen nicht, sag es mir bitte direkt“.
Verabredet Regeln statt Einzelfälle. Wenn jedes Mal neu ausgehandelt wird, ob heute Abend Besuch kommen darf, streitet ihr fünfzig Mal im Jahr. Wenn feststeht, dass an zwei Abenden pro Woche jemand kommen kann und an den anderen nicht, streitet ihr darüber gar nicht mehr.
Streitet schriftlich, wenn es mündlich nicht geht. Wer im Konflikt keine Wörter findet, findet sie zwei Stunden später am Handy. Das wirkt vielleicht seltsam, funktioniert aber trotzdem.
Verteilt die Organisation nach dem, was jeder kann, und nicht nach Gerechtigkeit. Wenn einer Termine im Kopf behält und der andere nicht, dann macht der eine die Termine. Dafür macht der andere etwas, das ihm liegt. Wichtig ist nur, dass es überhaupt etwas gibt, sonst entsteht wieder das Gefälle, das nicht guttut.

Und jetzt der Teil, der in fast allen Texten zu diesem Thema fehlt. Es soll sich immer die nicht-neurodivergente Seite anpassen, und das ist nicht fair. Die folgenden Sätze richten sich deswegen an dich, wenn du der neurodivergente Teil des Paares bist.

Sag Bescheid, wenn du Zeit brauchst, und sag auch, bis wann. Wer nach einem Streit tagelang schweigt, lässt die andere Seite in der Luft hängen. Ein Satz wie „ich brauche bis Donnerstag, dann rede ich mit dir darüber”, ändert die ganze Lage, weil ein Ende absehbar ist.
Geh davon aus, dass dein Partner es gut meint, auch wenn sein Satz anders klingt. Bei dir kommt Ironie schlecht an, bei ihm kommt deine Direktheit hart an. Beides sind keine Angriffe.
Frag nach, statt zu deuten. Vier Wörter reichen. „Wie meinst du das?“ Das ist keine Schwäche, sondern der kürzeste Weg an einem Streit vorbei.
Plane feste Zeiten ein, in denen ihr etwas macht, das er sich aussucht. Der Sinn liegt nicht in der Verabredung selbst, sondern darin, dass du dich darauf einstellen kannst. Wer wartet, bis zufällig Energie übrig ist, wartet lange, denn am Ende eines Tages ist meistens nichts mehr da. Steht der Termin dagegen vorher fest, kannst du den Tag davor frei halten und den Abend dann auch wirklich mit ihm verbringen.
Und sag zwischendurch das Offensichtliche. Dass du gern mit ihm zusammenlebst, dass du ihn magst, dass du dich auf den Abend freust. Für dich ist das schon dadurch belegt, dass ihr zusammen seid. Für ihn ist es das vielleicht nicht. Er braucht diese Sätze wirklich, so überflüssig sie dir vorkommen.

Wenn ihr euch Hilfe holt, dann bei jemandem, der Neurodivergenz kennt. Paartherapie, die mit dem Herstellen von Blickkontakt und dem Benennen von Gefühlen arbeitet, erzeugt bei einer autistischen Partnerin Druck und sonst wenig Hilfreiches.
Eine gemischte Beziehung ist nicht schwieriger als andere, sie ist nur an anderen Stellen schwierig. Was in ihr hilft, hilft in jeder Beziehung. Andere Paare kommen nur länger damit durch, es nicht auszusprechen.