Die hyperaktiv-impulsive Variante der ADHS
Das gängige Bild von ADHS
Jeder kennt doch Menschen, bei denen man ziemlich schnell den Eindruck hat, dass ihr Nervensystem in einem anderen Grundtempo läuft, dass es rast. Sie reden viel und oft so schnell, dass man kaum hinterherkommt. Sie werden laut, ohne es zu wollen, springen von einer Idee zur nächsten und wirken dabei gleichzeitig hochkonzentriert und vollkommen zerstreut. Schnell können sie sich begeistern, aber auch sehr ungeduldig sein. Stillzusitzen fühlt sich für sie an wie Stillstand und Stillstand fühlt sich falsch an.
Dieses Auftreten wird häufig sofort mit ADHS verbunden. Hibbelig, motorisch unruhig, impulsiv und lebendig, durchaus auch attraktive Attribute. Für Außenstehende ist das oft das Bild von ADHS schlechthin. Für Betroffene selbst ist es meist deutlich ambivalenter. Sie haben Energie, Kreativität und Spontaneität und gleichzeitig dieses ständige Empfinden, irgendwie anders zu sein, als man es von ihnen erwartet.
Fachlich spricht man bei diesem Erscheinungsbild von einem hyperaktiv-impulsiven Auftreten. Es beschreibt eine ADHS-Ausprägung, bei der die Symptome deutlich nach außen sichtbar sind. Gedanken werden nicht lange gefiltert, sondern direkt ausgesprochen. Impulse werden schneller umgesetzt und oft ist ein Bewegungsdrang körperlich spürbar. Das Nervensystem befindet sich meistens in einem Zustand erhöhter Aktivierung. Nicht punktuell, sondern als Grundzustand.
Menschen mit diesem Profil hören schon früh Rückmeldungen wie, du bist zu laut, du bist zu viel, du bist zu unruhig. Oft ist es gut gemeint, oft aber auch genervt und teilweise spöttisch. Selten sind solche Kommentare hilfreich. Was dabei nämlich übersehen wird, ist, dass dieses Verhalten alles andere als eine bewusste Entscheidung ist. Es ist keine Rücksichts- oder Disziplinlosigkeit. Es ist schlicht der Ausdruck einer anderen neurobiologischen Steuerung als sie die Allgemeinbevölkerung aufweist.
Warum das Nervensystem ständig nach Aktivierung sucht
ADHS ist eng mit einer veränderten Dopaminregulation verbunden. Dopamin spielt eine zentrale Rolle bei Motivation, Aufmerksamkeit und Reizverarbeitung. Bei ADHS ist dieses System weniger stabil als bei anderen. Das Gehirn sucht ständig nach Stimulation, nach Relevanz oder innerer Aktivierung. Bewegung, Reden, Begeisterung und schnelle Reaktionen sind keine zufälligen Begleiterscheinungen, sondern funktionale Versuche, dieses nach Dopamin strebende System aufrechtzuerhalten.
Motorische Unruhe ist dabei nicht einfach überschüssige Energie. Sie ist oft ein wichtiger Regulationsmechanismus. Bewegung oder auch eine Nebentätigkeit (laufen, kritzeln, mit dem Bein wippen) hilft dabei, wach und konzentriert zu bleiben. Reden hilft, Gedanken zu sortieren. Begeisterung hilft, den Fokus zu halten. Das Problem entsteht meist nicht durch diese Strategien selbst, sondern durch die Erwartungen der Umgebung, die ein anderes Maß an Ruhe, Taktung und Zurückhaltung voraussetzt. Kannst du mal aufhören, mit den Fingern zu trommeln, das macht mich ganz nervös!
ADHS im Erwachsenenalter – wenn Erwartungen steigen
Besonders im Erwachsenenalter wird dieses Auftreten häufig missverstanden. Kinder hingegen dürfen zappelig sein. Erwachsene müssen sich im Griff haben! Wer auch als erwachsene Person sichtbar unruhig, impulsiv oder überschwänglich ist, gilt schnell als unreif, unangemessen oder schwierig. Dabei hat sich die innere Struktur oft kaum verändert, nur der Anspruch von außen ist deutlich gestiegen.
Masking und Kompensation bei ADHS
Viele Erwachsene mit diesem ADHS-Profil entwickeln deshalb früh Anpassungsstrategien. Sie bremsen sich oder denken vor jedem Satz nach, ob er gerade passt und angemessen ist. Sie halten ihren Bewegungsdrang zurück, sitzen auf den Händen, zählen innerlich bis zehn oder nutzen andere Strategien der Selbstregulation. Das funktioniert manchmal, es kostet aber enorm viel Energie, die dann an anderer Stelle fehlt. Dieses bewusste Zurückhalten und Anpassen wird bei ADHS wie auch bei Autismus als „Masking“ bezeichnet und beschreibt den Versuch, nach außen unauffällig zu wirken, obwohl innerlich ein hoher Regulationsaufwand nötig ist.
Für andere ergibt sich dadurch ein verzerrter Eindruck. Nach außen wirkt jemand kontrolliert und gut angepasst. Nach innen ist das Nervensystem weiterhin auf Hochspannung. Die Unruhe verschwindet nicht. Sie wird nur weniger sichtbar. Das erklärt auch, warum manche Menschen mit ADHS als Kinder sehr auffällig waren („Zappelphilipp“) und als Erwachsene plötzlich still erscheinen, ohne dass die innere Dynamik bedeutend geringer geworden ist.
(Heute geht man davon aus, dass sich ADHS mit der Zeit vor allem in seiner äußeren Form verändert. Viele Erwachsene wirken deutlich ruhiger als früher, weil sie gelernt haben, ihre Unruhe zu kontrollieren oder nach innen zu verlagern. Die innere Anspannung ist damit aber nicht verschwunden, sie fällt nach außen nur weniger auf.)
Wenn ADHS nach außen ruhig wirkt
Bei manchen Menschen war diese äußere Unruhe allerdings nie besonders sichtbar. Ihre ADHS zeigt sich vor allem als innere Rastlosigkeit, gedankliches Abschweifen und wie ein permanenter mentaler Grundlärm. Nach außen wirken sie ruhig, angepasst und konzentriert, während innen die Gedanken hin und her springen, To-do-Listen zerfallen und die Aufmerksamkeit ständig wegrutscht. Diese Form wurde früher oft als „ADS“ bezeichnet und wird heute als vorwiegend unaufmerksame Ausprägung derselben ADHS verstanden. Sie ist nicht weniger belastend, sondern vor allem nach außen weniger auffällig.
Wichtig ist auch, dieses „hibbelige“ Erscheinungsbild der ADHS nicht mit Extraversion gleichzusetzen. Es gibt extrovertierte Menschen ohne ADHS und introvertierte Menschen mit hyperaktiver innerer Unruhe. Das nach außen sichtbare Auftreten ist keine Persönlichkeitsentscheidung, sondern eine neurobiologische Variante, die sich unterschiedlich ausdrücken kann.
In sozialen Situationen führt das oft zu Missverständnissen. Schnelles Reden wird als Dominanz gedeutet, Begeisterung als Aufdringlichkeit. Impulsives Reagieren wird oft als mangelnde Empathie gedeutet. Dabei ist häufig das Gegenteil der Fall. Viele Menschen mit diesem ADHS-Stil sind sehr feinfühlig, nehmen Stimmungen schneller als andere wahr und reagieren emotional intensiv. Nur eben ungefiltert.
Studien zeigen, dass Gefühle bei Menschen mit ADHS oft schneller auftauchen, intensiver erlebt werden und länger brauchen, um wieder abzuklingen. Das liegt nicht daran, dass Menschen mit ADHS zu emotional oder „Sensibelchen“ sind, sondern daran, dass die innere Bremse später greift. Reize und Stimmungen kommen ungefilterter an und schlagen direkter durch. Das Problem ist also nicht das Fühlen, sondern das rechtzeitige Abbremsen und Einordnen, was zur sogenannten exekutiven Dysfunktion gehört, also zu den Prozessen, die eigentlich für Steuerung, Kontrolle und Emotionsregulation zuständig sind.
Auch im beruflichen Kontext wirkt die nach außen sichtbare ADHS-Variante ambivalent. In kreativen, dynamischen oder unternehmerischen Umfeldern wird sie oft sehr geschätzt. In strukturierten, hierarchischen Systemen stößt sie schnell an ihre Grenzen. Nicht, weil sie per se unpassend wäre, sondern weil sie nicht in starre Erwartungsmuster anderer passt.
Entlastend ist oft schon das Wissen, dass dieses Auftreten einen Namen hat und keine Charakterschwäche ist. Dass es erklärbar ist und dass es nicht bedeutet, dass man sich grundsätzlich ändern muss. Es geht vielmehr darum, Rahmenbedingungen zu finden, die diesem Nervensystem entgegenkommen, statt es dauerhaft zu bekämpfen oder einzugrenzen.
Das kann ganz konkret bedeuten, Bewegung zu erlauben statt sie zu unterdrücken. Auf Pausen zu achten und Gespräche bewusst zu strukturieren. Begeisterung nicht abzuwerten, sondern zu kanalisieren. Zum Beispiel indem man die hohe Energie nutzt, um eine Sache sofort umzusetzen oder anzufangen, statt sie ungeordnet in viele gleichzeitige Aktivitäten zu verteilen. Und vor allem sollte man den eigenen Stil nicht ständig mit fremden Maßstäben vergleichen.
ADHS kann leise sein oder sehr präsent. Beides ist keine Frage von Schwere, sondern von Ausdruck. Ob sichtbar oder nicht, sagt wenig darüber aus, wie viel innere Regulation tatsächlich nötig ist. Der äußere Eindruck erlaubt daher nur eingeschränkt Rückschlüsse auf die tatsächliche Belastung.

