Dreifache Darstellung einer Frau mit nachdenklichem, angespanntem und erschöpftem Gesichtsausdruck

Trauma, Autismus und ADHS: Was sich gut unterscheiden lässt und was nicht

Ähnliche Symptome bei Autismus, ADHS und Trauma

Eine Frau sitzt im Büro und fährt zusammen, als im Flur eine Tür zuknallt. In die Kantine geht sie seit dem Umbau nicht mehr. Konzentrieren kann sie sich schlecht, nachts wacht sie mehrmals auf, und zu Hause bringt sie abends keinen Satz mehr zustande.
Für diese Beschreibung passen drei Erklärungen, und alle drei klingen erst mal plausibel. Eine Traumafolgestörung erklärt das Zusammenfahren und das Meiden der Kantine. Autismus erklärt die Geräuschempfindlichkeit und die Erschöpfung nach einem Tag voller Menschen. ADHS erklärt die Konzentration und den Schlaf.
Autismus und Traumafolgen lassen sich trotzdem in aller Regel gut auseinanderhalten. Bei Traumafolgen und ADHS wird es deutlich enger.

Autismus und Trauma lassen sich meist gut unterscheiden

Am klarsten wird es bei den Merkmalen, die aus einer Belastung heraus gar nicht entstehen können.
Wer mit sieben Jahren Schriftarten auf Verpackungen erkennt und mit vierzig immer noch jedes neue Ladenschild daraufhin untersucht, hat sich das nicht aus Angst angeeignet. Dasselbe gilt für das Bedürfnis, Dinge zu sortieren, für das jahrelange Sammeln zu einem einzigen Thema und dafür, wie schnell Abweichungen auffallen.
Auch Stimming gehört in dieselbe Kategorie. Eine Bewegung, die beim Konzentrieren hilft und seit der Kindheit dazugehört, ist keine Schutzreaktion auf ein Ereignis. Im Kindergarten ist jemand beim Nachdenken durchs Zimmer gelaufen, heute läuft er beim Telefonieren die Küche ab. Dazwischen liegen fünfundzwanzig Jahre und kein Ereignis, das das erklären würde.
Bei den Sinnen lässt es sich ähnlich gut sehen. Autistische Wahrnehmung geht in beide Richtungen. Bestimmte Reize belasten, andere tun ausgesprochen gut. Unter der schweren Decke kommt der Körper abends zur Ruhe, ohne sie dauert das Einschlafen länger. Nach einer Traumatisierung entsteht Wachsamkeit, aber kein Bedürfnis, sich bestimmte Reize gezielt zu holen.
Auch im sozialen Bereich zeigt sich derselbe Verlauf. Autistische Schwierigkeiten bestehen im Entschlüsseln. Beim Familienessen macht der Bruder eine Bemerkung, alle lachen, und erst am nächsten Morgen beim Zähneputzen wird klar, worauf er angespielt hat. Das ist keine Vorsicht und keine Angst, sondern Übersetzungsarbeit. Bei der eigenen Schwester kann sie notwendig werden, bei einem Fremden auch.
Nach einer Traumatisierung läuft das Entschlüsseln dagegen weiter wie vorher. Was sich verändert, ist das Vertrauen. Die Ironie des Bruders kommt an, nur wirkt sie beim Chef mit derselben Stimmlage plötzlich gefährlich.
Und schließlich reicht autistische Symptomatik in Bereiche, die mit Bedrohung überhaupt nichts zu tun haben. Eine sehr frühe oder sehr späte Sprachentwicklung. Eine Schrift, die nach drei Zeilen nicht mehr lesbar ist. Ein Kind, das seine Bauklötze in einer Reihe aufstellt und keinen daran verschieben lässt. Solche Beobachtungen stehen in alten Zeugnissen und Berichten, aus einer Zeit, in der noch nichts Belastendes vorgefallen ist.

Warum ADHS und Trauma so leicht verwechselt werden

Hier liegen die Beschwerdebilder tatsächlich übereinander, und zwar in fast allen Punkten.
Beide bringen Konzentrationsprobleme mit. Du liest eine Seite dreimal und weißt hinterher nicht, was daringestanden hat. Beide bringen Vergesslichkeit mit. Der Termin beim Zahnarzt war im Kalender eingetragen und ist trotzdem verstrichen. Beide bringen innere Unruhe mit, Schlafprobleme, Reizbarkeit, heftige Reaktionen auf Kleinigkeiten und eine Neigung, sich mit Alkohol oder Cannabis herunterzuregulieren.
Jemand sitzt am Schreibtisch, soll eine Mail beantworten, steht dreimal auf, räumt die Spülmaschine ein, kommt zurück, und die Mail ist immer noch leer. Ob ADHS oder eine Traumageschichte dahintersteckt, ist dieser Szene nicht anzusehen.

Auseinanderhalten lässt sich das über die Art, wie es auftritt.
Bei ADHS läuft die Unruhe durchgehend und ohne Anlass. Sie ist morgens da, sie ist im Urlaub da, sie ist an einem ruhigen Sonntag da. Nach einer Traumatisierung meldet sie sich anlassbezogen. Eine bestimmte Stimmlage, ein Geruch, ein Raum, und der Körper ist wach, bevor ein Gedanke da ist. Zwischen diesen Momenten kann es deutlich ruhiger sein.

Der vergessene Zahnarzttermin entsteht auf zwei unterschiedlichen Wegen. Bei ADHS ist die Aufmerksamkeit woanders gewesen, als der Termin eingetragen werden sollte. Nach einer Traumatisierung blockiert die Anspannung das Arbeitsgedächtnis, und in ruhigen Wochen funktioniert dasselbe Gedächtnis wieder besser. (Das ist auch der Grund, warum dieselbe Person im Urlaub auf einmal an alles denkt.)

Ein impulsiver Ausbruch bei ADHS kommt schnell, ist schnell vorbei und wird hinterher selbst als übertrieben erkannt. Nach einer Traumatisierung geht dem Ausbruch ein Trigger voraus. Gemeint ist eine Kleinigkeit in der Gegenwart, die an die alte Situation erinnert. Im Aufzug steigt jemand mit demselben Rasierwasser zu, und bevor du überhaupt gemerkt hast, woher du diesen Geruch kennst, schlägt dein Herz schneller. Die Verbindung stellt der Körper her, ohne dass du sie bewusst ziehst. Und mit dem Ausbruch ist die Anspannung dann nicht vorbei, sondern läuft im Körper weiter, manchmal bis in den nächsten Tag.

Beim Schlaf ist die Art der Störung verschieden. Bei ADHS zieht sich das Einschlafen, weil die Gedanken nicht aufhören und weil der späte Abend die erste Zeit des Tages ist, die dir allein gehört. Du gehst jede Woche ein Stück später ins Bett, kommst morgens kaum hoch, und dazwischen schläfst du vielleicht durch.
Nach einer Traumatisierung sieht die Nacht anders aus. Das Einschlafen scheitert daran, dass die Wachsamkeit nicht heruntergeht. Ein Geräusch im Treppenhaus wird erst geprüft, bevor der Körper loslässt. Dann kommen Albträume, und das Aufwachen passiert mit Herzklopfen und nassem Rücken, manchmal mehrmals in derselben Nacht. Viele schlafen mit Licht oder bei offener Tür, und in einer fremden Umgebung wird es schlechter statt besser.
Schlecht schlafen bei ADHS bleibt gleich, ob du zu Hause liegst oder bei Freunden auf dem Sofa. Nach einer Traumatisierung richtet sich die Nacht danach, wie sicher der Ort sich anfühlt.

Wann die ersten Symptome begonnen haben

Systematisch weiter kommst du über die Frühgeschichte.
ADHS beginnt in der Kindheit und zieht sich durch. Es hat kein Jahr gegeben, in dem alles geordnet gewesen wäre. Wer zurückgeht, findet dieselben Themen im Kindergartenbericht, in den Grundschulzeugnissen und in den Erzählungen der Eltern. Da steht etwas über Träumen im Unterricht, über vergessene Sportsachen, über dazwischenreden.
Verlassen darfst du dich auf alte Unterlagen trotzdem nicht. Wer sich früh angepasst hat, taucht dort gar nicht auf. Bei Mädchen passiert das besonders leicht, bei Autismus wie bei ADHS. Im Zeugnis steht dann ruhig, freundlich, zuverlässig, und niemand hat bemerkt, wie viel Arbeit dieses Ruhigsein gewesen ist.
Dasselbe gilt für die unaufmerksame Form von ADHS. Aufgefallen ist im Unterricht, wer dazwischenredet und mit dem Stuhl kippelt. Wer verträumt aus dem Fenster schaut und trotzdem ordentlich dasitzt, bekommt höchstens eine Bemerkung über die Konzentration und sonst nichts. Ein unauffälliges Zeugnis spricht darum nicht gegen ADHS oder Autismus. Es zeigt nur, dass damals nichts aufgefallen ist. ((Genau das ist einer der Gründe, warum so viele Frauen erst mit vierzig auf die Idee kommen, das abklären zu lassen.)

Traumafolgen haben dagegen einen Anfang. Es hat ein Davor gegeben und ein Danach, und in vielen Fällen lässt sich die Veränderung auf ein Halbjahr eingrenzen. Bis zur achten Klasse waren die Noten stabil, danach nicht mehr. Bis zum Umzug hat sie gern übernachtet, danach nie wieder.
Der zweite Punkt ist die Abhängigkeit von der Umgebung. ADHS bleibt, wenn es sicher wird. Auch in der ruhigsten Ferienwohnung suchst du morgens zwanzig Minuten nach dem Autoschlüssel. Traumafolgen werden in einer sicheren Umgebung leiser und melden sich zurück, sobald etwas an die alte Situation erinnert.
Der dritte Punkt ist die Reichweite. ADHS zeigt sich in allen Lebensbereichen, in der Schule, im Job, im Haushalt, in Beziehungen. Traumafolgen können sich auf bestimmte Bereiche beschränken. Jemand arbeitet zuverlässig und strukturiert und kommt trotzdem an keiner Kellertür vorbei.

Wenn der Beginn keine klare Antwort gibt

Zwei Konstellationen machen die Sache trotzdem schwer.
Die erste betrifft Menschen, deren Belastung sehr früh angefangen hat. Ein Kind, das von den ersten Lebensmonaten an geschlagen oder vernachlässigt worden ist, hat nie eine andere Zeit erlebt. Die Anspannung ist nicht nach einem Ereignis gekommen, sie ist von Anfang an da gewesen. Wer danach fragt, seit wann das so ist, bekommt dieselbe Antwort wie bei Autismus und ADHS. Schon immer.
Dann fällt der Beginn als Kriterium aus, und weiter kommst du nur über die Art der Beschwerden. Ein Spezialinteresse, Stimming und eine Wahrnehmung, die bestimmte Reize gezielt sucht, sprechen für Autismus. Albträume, das Meiden bestimmter Orte und eine Anspannung, die in Sicherheit nachlässt, sprechen für Traumafolgen. Beides kann natürlich auch nebeneinander vorkommen.
Die zweite betrifft Belastungen, die erst durch ein unerkanntes ADHS entstanden sind. Wer jahrelang gehört hat, er strenge sich nicht genug an, wer regelmäßig Sachen verliert und dafür ausgelacht wird, sammelt Erfahrungen, die wirken wie Traumafolgen und es auch sein können. Die Ursache liegt dann bei ADHS, die Beschwerden sollten trotzdem behandelt werden.

Wenn Autismus, ADHS und Trauma zusammen auftreten

Ein Entweder-oder ist ohnehin selten die Antwort. Autistische und ADHS-betroffene Kinder erleben mehr Ausgrenzung, mehr Mobbing und mehr Übergriffe als andere. Wer anders reagiert, als erwartet wird, gerät öfter in Situationen, die verletzen. Beides zusammen ist darum eher die Regel als die Ausnahme.
Der Irrtum passiert in mehrere Richtungen. Autistische Erwachsene bekommen die Erklärung, sie seien traumatisiert, obwohl ihre Themen bis in den Kindergarten zurückreichen. Und Menschen mit einer Traumageschichte bekommen eine ADHS-Erklärung angeboten, weil Konzentration und Unruhe passen.
Welche Unterstützung hilft, richtet sich danach, was zutrifft. Traumafolgen lassen sich behandeln, und dafür braucht es ein Verfahren, das damit umgehen kann. Autismus und ADHS lassen sich nicht wegbehandeln. Dort geht es darum, den Tag so einzurichten, dass er weniger anstrengt. Ein ruhigerer Arbeitsplatz gehört dazu, oder eine Stunde für sich nach Feierabend, bevor jemand etwas von einem will. Bei ADHS hilft zusätzlich eine Struktur, die dir jemand vorgibt, und je nach Situation eine medikamentöse Behandlung.

Wer die falsche Erklärung bekommt, merkt das an der fehlenden Wirkung. Eine Traumatherapie gegen eine Reizüberflutung läuft ins Leere, und ein ruhigerer Arbeitsplatz hilft nicht gegen Erinnerungen, die beim Türknallen anspringen. (Das ist übrigens einer der häufigsten Gründe, warum Leute sagen, Therapie habe bei ihnen nicht funktioniert.)
Falls du dich in mehreren dieser Beschreibungen wiedererkennst, ist das kein Widerspruch. Alle drei können auch zusammen vorkommen, und zwar gar nicht selten. Wer autistisch ist und zusätzlich ADHS hat, eckt von klein auf doppelt an und sammelt entsprechend mehr Erfahrungen, die verletzen. Geklärt wird so etwas über die Beschwerden, die zusammenkommen, und darüber, wie sie sich einordnen lassen, also wann was angefangen hat, wo es auftritt und was sich verändert, wenn es ruhig wird.
Dieselbe Erschöpfung kann aus drei Richtungen kommen. Welche es ist, zeigt erst der Verlauf.