Zwei Frauen in einem lauten Baumarkt: Eine hält sich überfordert die Ohren zu, während ihre Begleitung entspannt und vergnügt wirkt.

Sensorik bei Autismus und ADHS: Warum Reize nicht leiser werden

Sensorische Besonderheiten bei Autismus und ADHS

Samstagvormittag im Baumarkt. Über dir surren die Leuchtstoffröhren, aus den Deckenlautsprechern läuft Musik, in Gang vier schneidet jemand Holz zu, und an der Kasse piept es im Sekundentakt. Du wolltest drei Schrauben und eine Dichtung. Nach zwanzig Minuten stehst du vor dem Regal, liest dreimal dasselbe Etikett und kannst dich nicht entscheiden.
Deine Begleitung findet den Baumarkt völlig in Ordnung. Sie hat die Lautsprecher gar nicht bemerkt.

Sensorische Besonderheiten gehören zu Autismus dazu, und seit der ICD-11 stehen sie auch ausdrücklich in den diagnostischen Kriterien. Bei ADHS tauchen sie in den Kriterien gar nicht auf, kommen aber genauso regelmäßig vor. Beide Male funktioniert das Filtern weniger gut. Was danach passiert, läuft allerdings verschieden. Bei Autismus bleibt der Reiz laut, bei ADHS zieht jeder neue Reiz die Aufmerksamkeit weg.

Warum Reize bei Autismus nicht in den Hintergrund rücken

Normalerweise sortiert dein Gehirn im Hintergrund aus. Ein Geräusch, das gleichbleibt und nichts Neues meldet, wird nach kurzer Zeit als unwichtig eingestuft und nicht mehr weitergeleitet. Dieser Vorgang heißt Habituation, auf Deutsch Gewöhnung, und er läuft ohne dein Zutun.
Bei Autismus fällt diese Gewöhnung schwächer aus. Der tropfende Wasserhahn im Bad bleibt in der dreißigsten Minute so laut wie in der ersten. Der Kühlschrank brummt nicht irgendwo im Hintergrund, sondern mitten im Raum. Und die Uhr an der Wand deiner Schwiegermutter tickt den ganzen Nachmittag mit, während alle anderen sich über den Kuchen unterhalten.

Eine zweite Leistung kommt beim Hören dazu. Aus allem, was ankommt, muss eine Stimme herausgelöst und der Rest nach hinten geschoben werden. Gelingt diese Trennung weniger gut, treffen alle Geräusche mit ähnlicher Lautstärke ein. Im Restaurant klappert dann das Besteck genauso deutlich wie der Satz, den deine Freundin gerade sagt, und nach zwanzig Minuten hast du den Faden verloren. Nicht, weil dich das Thema langweilt, sondern weil Zuhören dort zur Suchaufgabe geworden ist.
Das Gleiche passiert beim Sehen. Bewegung am Rand des Sehfelds gilt biologisch als Warnsignal und zieht Aufmerksamkeit auf sich. Normalerweise wird dieses Signal nach ein paar Wiederholungen abgeschwächt. Bleibt die Abschwächung aus, blinkt die kleine Leuchtdiode am Router den ganzen Abend mit, obwohl sie zwei Meter weiter an der Wand sitzt und winzig ist.

Wie Sensorik bei ADHS funktioniert

Bei ADHS liegt das Problem woanders. Nicht der gleichbleibende Reiz bleibt laut, sondern der neueste gewinnt. Die Tür geht auf, jemand lacht auf dem Flur, das Handy vibriert, und jedes Mal ist die Aufmerksamkeit weg, egal wie unwichtig die Sache ist.

Im Großraumbüro sieht das dann so aus. Du liest denselben Absatz zum vierten Mal, weil zwischendurch dreimal etwas passiert ist. Nicht besonders laut, nicht besonders störend, nur eben neu.
Und jetzt kommt der Teil, der viele überrascht. Ein gleichmäßiges Hintergrundgeräusch hilft bei ADHS oft, statt zu stören. Wer im Café besser arbeitet als am eigenen Schreibtisch, bildet sich das nicht ein. Untersuchungen zeigen, dass weißes Rauschen die Leistung bei ADHS verbessern kann, weil ein gleichmäßiger Grundpegel das Umschalten zwischen Reizen erschwert und schwache Signale verstärkt. (Für alle gilt das übrigens nicht, ein Teil schneidet mit Rauschen sogar schlechter ab. Was bei dir wirkt, findest du nur durch Ausprobieren heraus.)
Stille kann bei ADHS dagegen unangenehm werden. Wo nichts ist, sucht der Kopf sich etwas, und dann fängt das Grübeln an oder der Blick wandert zum Handy.
Beide Neurodivergenzen zusammen ist der schwierigste Fall. Ein Teil von dir braucht Ruhe, damit die Reize aufhören, und ein Teil braucht den Pegel, damit der Kopf arbeitet. Das erklärt, warum manche Kopfhörer nutzen und dieselbe Playlist in Dauerschleife hören. Der Ton ist gleichmäßig, vorhersehbar und selbst gewählt, und damit bedient er beide Seiten.

Sensorik geht bei Autismus und ADHS in beide Richtungen

Ein Missverständnis hält sich hartnäckig, nämlich dass es bei Sensorik nur ums Zuviel geht. Tatsächlich läuft es in beide Richtungen, und häufig bei derselben Person.
Auf der einen Seite die Reize, die zu viel sind. Das Etikett im Nacken, das den ganzen Vormittag spürbar bleibt. Der Nachbar mit dem Rasierwasser, das dir im Aufzug die Luft nimmt. Die Neonbeleuchtung im Drogeriemarkt, nach der du mit Kopfschmerzen rauskommst.
Auf der anderen Seite die Reize, die du dir gezielt holst. Scharfes Essen, so scharf, dass andere am Tisch staunen. Musik im Auto, deutlich lauter als nötig. Eine Dusche so heiß, dass die Haut danach rot ist. Oder die Hand, die beim Nachdenken immer wieder über dieselbe Naht der Sofadecke streicht.
Der Grund dahinter ist je nach Diagnose ein anderer. Bei Autismus beruhigt ein gleichbleibender, vorhersehbarer Reiz, weil er nichts Neues meldet und alles andere überdeckt. Bei ADHS hebt ein kräftiger Reiz das Aktivierungsniveau, und erst damit wird der Kopf arbeitsfähig. Zu sehen ist beide Male dasselbe, nämlich jemand, der laute Musik hört.
Ein Punkt gilt für beide und wird ständig übersehen. Ob ein Reiz belastet oder guttut, richtet sich vor allem danach, ob du ihn selbst steuerst. Dieselbe Musik, die du im Auto bis zum Anschlag aufdrehst, wird unerträglich, sobald der Nachbar sie durch die Wand schickt. Laut ist sie in beiden Fällen. Verschieden ist nur, dass du sie einmal an- und ausmachen kannst und einmal nicht.
Dasselbe gilt für Berührung. Eine Umarmung, die von dir ausgeht, fühlt sich anders an als eine, die dich unangekündigt von hinten trifft, obwohl der Druck derselbe ist. Und wer selbst entscheidet, wann der Staubsauger läuft, hält das Geräusch womöglich problemlos aus, während dasselbe Geräusch aus der Nachbarwohnung den ganzen Samstag begleitet.

Welche Sinne betroffen sind, ist dabei von Person zu Person verschieden.
Bei dir sind es vielleicht die Geräusche, bei jemand anderem eher das Licht, die Gerüche oder bestimmte Geschmäcker. (Und nein, es müssen nicht alle Sinne betroffen sein. Wenn bei dir nur die Geräusche ein Thema sind, spricht das nicht gegen Autismus oder ADHS.)

Die Sinne, über die kaum jemand spricht

In der Schule lernt jeder fünf Sinne. Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten. Damit ist die Liste allerdings nicht zu Ende, denn diese fünf erfassen nur, was von der Umgebung kommt. Drei weitere melden, was im eigenen Körper passiert, und über die spricht kaum jemand, obwohl sie den Tag genauso mitbestimmen.
Der erste ist die Tiefensensibilität, fachlich Propriozeption. Über Rezeptoren in Muskeln und Gelenken meldet dein Körper laufend, wo deine Arme und Beine gerade sind und wie fest du zugreifen musst. Kommen diese Meldungen schwächer an, streift die Schulter regelmäßig den Türrahmen, obwohl der Durchgang breit genug wäre, und das Glas landet härter auf dem Tisch als gewollt. Umgekehrt hilft kräftige Bewegung. Eine Stunde zügiges Gehen liefert Muskeln und Gelenken eine deutliche Rückmeldung, und danach ist es in dir ruhiger als nach einer Stunde auf dem Sofa.
Der zweite ist der Gleichgewichtssinn. Er sitzt im Innenohr und meldet ständig, wo oben und unten ist. Reagiert er empfindlich, wird dir auf der Rolltreppe oder nach einer kurvigen Autofahrt schnell schlecht. Meldet er sich kaum, suchst du Bewegung geradezu, und als Kind ist die Schaukel höher gegangen, als den Eltern lieb gewesen ist. Bei ADHS ist das der Sinn, der hinter dem Kippeln mit dem Stuhl steckt.
Der dritte ist die Wahrnehmung nach innen, die Interozeption. Gemeint ist alles, was dein Körper über sich selbst meldet, von Hunger und Durst bis zur vollen Blase. Kommen diese Meldungen schwach an, ist der Vormittag vorbei, bevor du ans Trinken auch nur gedacht hast.

Warum sensorische Belastung von Tag zu Tag schwankt

Am meisten verwirrt die Schwankung. Montag sitzt du eine Stunde im selben Café und merkst gar nichts. Donnerstag hältst du es dort keine zehn Minuten aus, obwohl sich an dem Café nichts geändert hat.
Der Grund liegt nicht im Café, sondern in der Woche davor. Reize summieren sich über Tage, und zwischendurch wird wenig abgebaut. Nach drei Terminen, einem vollen Zug und zwei Abenden mit Besuch reicht dann ein Reiz, der sonst gar nicht auffällt. Der Kühlschrank, der sonst nur brummt, ist auf einmal unerträglich laut.
Das wirkt willkürlich, und genau das macht dich an dir selbst irre. Du hältst dich für inkonsequent, weil du gestern konntest, was heute nicht geht. Dabei ist die Rechnung ziemlich schlicht. Was übrig ist an Verarbeitungskapazität, entscheidet darüber, wie viel reinpasst.

Bei ADHS schwankt es zusätzlich mit der Aufmerksamkeit. Im Hyperfokus bekommst du überhaupt nichts mit. Dein Partner steht in der Tür und sagt zweimal deinen Namen, und erst beim dritten Mal dringt es durch. Zwei Stunden später reicht ein klappernder Löffel in der Küche, um dich aus der Aufgabe zu holen. Dieselbe Wohnung, derselbe Tag.
Dazu kommt, dass Anstrengung nicht nur von Reizen kommt. Ein schwieriges Telefonat, schlechter Schlaf, eine Erkältung oder eine offene Sache, die noch geklärt werden muss, verbrauchen dieselbe Verarbeitungskapazität wie die Reize selbst. (Das ist übrigens der Grund, warum viele nach einem emotional anstrengenden Tag plötzlich Licht dimmen und Kopfhörer aufsetzen, obwohl sie den ganzen Tag im ruhigen Homeoffice gesessen haben.)

Was bei sensorischer Überlastung hilft

Der größte Hebel liegt darin, die Umgebung zu verändern statt sich selbst. Das klingt banal und wird trotzdem selten gemacht, weil die meisten jahrelang gelernt haben, dass sie sich zusammenreißen sollen.
Praktisch heißt das, den Reiz an der Quelle kleiner zu machen. Kopfhörer und Ohrstöpsel gehören in die Tasche und nicht in die Schublade. Der Einkauf am Dienstagvormittag ist ein anderer Einkauf als der am Samstagnachmittag. Im Restaurant sitzt es sich an der Wand und mit Blick in den Raum anders als mitten zwischen den Tischen. Und eine Sonnenbrille im Supermarkt sieht seltsam aus aber hilft.

Bei ADHS führt der Weg eher über den richtigen Pegel als über Stille. Weißes Rauschen, ein Ventilator, immer dieselbe Playlist ohne Text. Alles, was gleichmäßig läuft und nicht mit neuen Informationen dazwischenfunkt. Bewegung gehört ebenfalls dazu, ein kurzer Gang um den Block wirkt vor einer schwierigen Aufgabe besser als noch ein Kaffee.
Bei der Kleidung entscheidet oft die Naht und nicht das Aussehen. Wer fünfmal dasselbe T-Shirt im Schrank hat, weil es das einzige ist, das sich nicht ständig meldet, macht nichts falsch. Etiketten kann man raustrennen, Socken auf links tragen, Hosen nach dem Gefühl statt nach dem Schnitt kaufen.
Was ebenfalls hilft, ist Erholung einzuplanen, bevor sie nötig wird. Nicht der Nachmittag im Schwimmbad ist das Problem, sondern die Verabredung am selben Abend. Zieh dich lieber eine halbe Stunde zurück, bevor der Besuch kommt, als zwei Stunden, wenn er wieder weg ist.
Und schließlich hilft es, die Leute einzuweihen, mit denen du regelmäßig zu tun hast. Ein Satz reicht. Dass du im Restaurant lieber früher gehst, dass dir das Deckenlicht zu grell ist, dass du bei laufendem Fernseher nicht zuhören kannst. Die meisten reagieren vollkommen entspannt, sobald sie wissen, worum es geht. (Und die, die es nicht tun, hätten auch bei jeder anderen Erklärung ein Problem gehabt.)

Reizschutz ist dabei keine Vermeidung. Wer mit Kopfhörern durch den Bahnhof geht, geht durch den Bahnhof. Ohne Kopfhörer wäre er zu Hause geblieben.
Deine Wahrnehmung ist nicht übertrieben und auch nicht zu empfindlich. Sie filtert nur weniger weg, und was dabei übrigbleibt, musst du verarbeiten.