Zwei erwachsene Menschen stehen Rücken an Rücken in einer städtischen Umgebung

Wenn alte Diagnosen nicht mehr erklären, was man erlebt (ICD-10 vs. ICD-11)

Autismus und ADHS im Wandel der Diagnostik

Oft merkt man erst sehr spät, dass man jahrelang versucht hat, die falschen Antworten auf die richtigen Fragen zu geben. Man passt sich an, optimiert sich, arbeitet an sich, liest Bücher, besucht Therapien, hält durch. Und trotzdem bleibt dieses drängende Gefühl, dass die bisherigen Erklärungen nie ganz gepasst haben. Dass etwas fehlt. Nicht dramatisch. Eher so, als hätte man ständig ein falsches Betriebssystem benutzt und sich dann gewundert, warum alles so viel Energie frisst.

Wenn Menschen sich dann mit Autismus oder ADHS beschäftigen, kommt früher oder später die Frage auf, warum das nicht früher Thema war. Warum frühere Einschätzungen so wenig Erklärungstiefe hatten. Und warum heutige Beschreibungen sich plötzlich so treffend anfühlen. An dieser Stelle wird die Unterscheidung zwischen ICD-10 und ICD-11 relevant. Nicht als Theorie, sondern als Modell, das bestimmt, wie genau hingeschaut wird.

Autismus und ADHS in der ICD-10

Die ICD-10 arbeitet mit einem vergleichsweise starren Verständnis von Autismus und ADHS. Autismus wurde in klar getrennte Kategorien eingeteilt. Diese Kategorien vermittelten den Eindruck, es gäbe eindeutige Schubladen, in die Menschen passen oder eben nicht. In der Realität erwies sich dieses System jedoch als wenig anschlussfähig für viele Lebensläufe.
Das Bild war stark auf frühe Auffälligkeit ausgerichtet. Wer früh sprach, sich sozial anpasste oder lernte, unauffällig zu sein, fiel häufig durchs Raster. Besonders Menschen, die früh begannen, ihr Verhalten zu beobachten und zu regulieren, wurden selten als autistisch erkannt. Masking war kein zentrales diagnostisches Konzept. Dass Anpassung Kraft kostet und langfristig erschöpft, blieb meist unbeachtet.
Auch bei ADHS dominierte ein äußeres Bild. Unruhe, Impulsivität und sichtbare Konzentrationsprobleme galten als zentral. Ruhige Verläufe, innere Rastlosigkeit, emotionale Überforderung oder das ständige Gefühl, nie ganz bei sich zu sein, wurden weniger als ADHS-typisch verstanden. Erwachsene galten lange als Sonderfall, nicht als selbstverständlicher Teil des Spektrums.
Die ICD-10 stellte stark die Frage, ob jemand auffällt. Sie stellte seltener die Frage, wie jemand seinen Alltag bewältigt und was das innerlich kostet.

Die ICD-11 und der Perspektivwechsel

Mit der ICD-11 hat sich dieser Blick deutlich verändert. Autismus wird nicht mehr in voneinander abgegrenzte Unterformen aufgeteilt, sondern als Spektrum verstanden. Das bedeutet nicht, dass Unterschiede verschwimmen. Es bedeutet, dass Vielfalt anerkannt wird. Autismus kann sehr unterschiedlich aussehen, ohne weniger real zu sein.
Ein zentraler Unterschied liegt darin, dass Entwicklung, Anpassung und Kompensation stärker mitgedacht werden. Symptome gelten nicht mehr als statisch, sondern als veränderlich in ihrer Erscheinung. Masking wird nicht explizit als eigenes Kriterium geführt, aber konzeptuell berücksichtigt. Auch sensorische Besonderheiten, Erschöpfung und Schwierigkeiten in der Selbstregulation haben einen höheren Stellenwert.
Bei ADHS zeigt sich ebenfalls ein Perspektivwechsel. Die ICD-11 erkennt klarer an, dass ADHS eine lebenslange neurodivergente Funktionsweise sein kann. Emotionale Dysregulation, Probleme mit Selbststeuerung, Überforderung durch Reize und innere Unruhe werden stärker einbezogen. Das Bild wird leiser, aber präziser.

Viele Praxen (so auch wir) orientieren sich heute bewusst stärker an der ICD-11, weil sie näher an dem ist, was Erwachsene tatsächlich berichten. Nicht nur daran, wie sie wirken, sondern daran, wie sie funktionieren.

Autismus und ADHS im Vergleich

Autismus und ADHS überschneiden sich in vielen Bereichen. Reizoffenheit, Erschöpfung, Schwierigkeiten mit Regulation und ein hoher Anpassungsdruck gehören häufig zu beiden Profilen. Trotzdem unterscheiden sich die zugrunde liegenden Mechanismen.
Bei Autismus stehen Besonderheiten in der Wahrnehmung, der sozialen Verarbeitung und der Bedürfnis nach Vorhersagbarkeit im Vordergrund. Viele autistische Menschen erleben die Welt ungefiltert und intensiv. Soziale Situationen kosten Energie, nicht aus Mangel an Interesse, sondern weil sie bewusst gesteuert werden müssen.
Bei ADHS liegt der Schwerpunkt stärker auf der Aufmerksamkeitssteuerung und der Impulsregulation. Gedanken springen, Fokus lässt sich schwer halten, Emotionen kommen schnell und kräftig. Vergesslichkeit und Chaos entstehen nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Überlastung.
In der ICD-11 wird auch anerkannt, dass beide Neurodivergenzen gemeinsam auftreten können. AuDHS ist keine Ausnahme, sondern kommt häufiger vor, als lange angenommen. Gerade hier zeigt sich, wie wichtig ein flexibler diagnostischer Rahmen ist, der Erleben und Verhalten nicht auf ein einziges starres Erklärungsmodell reduziert.

Es geht letztendlich nicht darum, ob ICD-10 oder ICD-11 auf dem Papier steht. Es geht darum, ob Diagnostik das eigene Erleben nachvollziehbar macht. Ob sie erklärt, warum bestimmte Strategien funktionieren oder eben nicht. Und ob sie hilft, sich selbst nicht länger als defizitär zu betrachten, sondern als jemand mit einer anderen Art, die Welt zu verarbeiten.
Wenn Diagnostik das leistet, wird sie entlastend. Nicht, weil sie alles löst, sondern weil sie endlich die richtigen Fragen stellt.