Autistische Frau mit Kopfhörern am Meer bei Sonnenuntergang als Symbol für reizarmen Urlaub

Autismus und Urlaub: Warum Reisen so anstrengend sein kann

Nach dem Urlaub erschöpfter als vorher

Erholung ist das, was ein Urlaub bringen soll. Zwei Wochen ohne Termine, endlich ausschlafen, und danach läuft es wieder leichter. In meiner Praxis höre ich allerdings immer wieder etwas anderes. Autistische Erwachsene erzählen mir, dass sie nach der Rückkehr fertiger sind als vor der Abreise. Eine Patientin sagte mal, dass sie sich nach dem Urlaub erst einmal vom Urlaub erholen müsse.
Wer so etwas ausspricht, bekommt verwunderte Antworten zu hören. Zwei Wochen am Meer, was soll daran anstrengend sein? Der Grund dafür hat mit dem Reiseziel wenig zu tun. Eine Reise verlangt nämlich ausgerechnet das, was autistischen Menschen sonst schon die größte Mühe bereitet.

Woher die Erschöpfung auf Reisen kommt

Ein gewöhnlicher Tag besteht zum großen Teil aus Abläufen, die niemandem mehr auffallen. Morgens im Bad geschieht alles in derselben Reihenfolge, und die Hand findet die Zahnbürste, während die Augen noch halb zu sind. Solche Abläufe hast du dir über Jahre zurechtgelegt, und sie sind mehr als eine Marotte. Sie kosten keine Aufmerksamkeit mehr, und dadurch bleibt Kraft für das übrig, was sich nicht planen lässt.
Auf einer Reise fällt das an einem einzigen Tag weg. Das Bad im Hotel ist fremd, der Lichtschalter sitzt an einer anderen Stelle, und nachts brummt etwas, das sich nicht zuordnen lässt. Was den Reiz einer Reise ausmacht, nämlich dass nichts seinen gewohnten Gang nimmt, wird bei Autismus zur Dauerbelastung. Jede Kleinigkeit will neu entschieden werden, bis hin zur Uhrzeit fürs Abendessen.
Während all das läuft, arbeiten die Sinne weiter. In der Altstadt schieben sich abends so viele Leute durch die Gassen, dass du dich nur noch auf den Rücken vor dir konzentrierst, während von einer Terrasse Musik herüberkommt und aus einer offenen Küchentür ein Geruch, der sich nicht einordnen lässt.
Ein paar Tage macht der Körper das mit. Was am Montag noch erträglich gewesen ist, kostet am Donnerstag die Konzentration für den ganzen Abend, weil sich die Eindrücke über die Tage aufsummieren und zwischendurch nichts abgebaut wird. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem ein klemmender Rollladen reicht, damit der Abend abgebrochen wird und jemand aufs Zimmer geht.

Camouflaging im Urlaub als ständige Anpassung

In keinem Reiseratgeber steht, wie dicht der Kontakt auf einer Reise wird. Zu Hause lässt er sich dosieren. Eine Verabredung verschiebst du auf die kommende Woche, und niemand nimmt dir das übel.
Auf einer Reise fällt diese Möglichkeit weg. Die Leute, mit denen du unterwegs bist, sind rund um die Uhr da, vom Frühstückstisch bis zum letzten Glas auf dem Balkon. An der Rezeption steht außerdem jeden Tag jemand anderes, der etwas wissen will und ein freundliches Gesicht erwartet.
Das Camouflaging läuft die ganze Zeit mit. Den Mitreisenden fällt davon nichts auf, weil sie nur das freundliche Gesicht sehen und nicht die Arbeit dahinter. Über einen Tag summiert es sich, über zwei Wochen erst recht, und anders als zu Hause kommt kein Abend, an dem es aufhört. Aus dem Urlaub werden lauter Arbeitstage ohne Feierabend.

Reisetipps für autistische Erwachsene

Aus alldem ergeben sich Dinge, die mir in der Praxis regelmäßig als hilfreich beschrieben werden. Am stärksten entlastet ein Ort, den du schon kennst, weil er die halbe Arbeit abnimmt. Wenn das Bad vertraut ist und klar ist, welches Geräusch nachts von der Straße heraufkommt, entfällt das Zurechtfinden. Wiederholung wird unterschätzt. Zwei Wochen am selben Ort entlasten spürbar mehr als eine Rundreise durch fünf Städte.
Bei der Unterkunft kommt es weniger auf die Ausstattung an als darauf, was sie dir abnimmt. Eine Ferienwohnung mit Küche erspart das tägliche Restaurant und erlaubt dir die Lebensmittel, die du kennst. Ein Zimmer zum Innenhof hält den Straßenlärm draußen. Ob im Frühstücksraum ein Fernseher läuft, kannst du vor der Buchung erfragen. Vor Ort lässt sich daran nichts mehr ändern.
Die Anreise gehört als eigener Tag in die Planung. Bis jemand am Gate steht, liegt eine Sicherheitskontrolle hinter ihm, in der ein Fremder die Tasche ausräumt, während die Schlange dahinter drängelt. Landest du früh am Morgen und stehst mittags schon in der Schlange vor der Kathedrale, merkst du das noch am dritten Tag.
Der Kaffee morgens auf demselben Platz, bevor die anderen wach sind, reicht dafür schon. Diese halbe Stunde gehört dann niemandem sonst, und ein einziger solcher Punkt am Tag hält den Rest zusammen, auch wenn sonst nichts nach Plan läuft. Nimm etwas Vertrautes von zu Hause mit. Das eigene Kopfkissen kostet Platz im Koffer, dafür fühlt sich die erste Nacht im Hotelbett nicht ganz so ungewohnt an, und du liegst nicht stundenlang wach. Kopfhörer gehören ins Handgepäck und nicht in den Koffer, weil du sie schon in der Schlange am Flughafen brauchst und nicht erst im Zimmer, aber das weißt du ohnehin schon.
Dass dein Abend früher endet als ihrer, sagst du besser schon vor dem Urlaub. Mitten in der Reise kostet derselbe Satz viel mehr Überwindung, weil dann schon alle in Urlaubsstimmung sind.

Was Reisen mit Autismus möglich macht

Kaum jemand plant die Zeit danach ein. Dabei entsteht dort erst der eigentliche Erholungsbedarf. Nach zwei Wochen ohne die gewohnten Abläufe braucht es Zeit, um wieder hineinzufinden. Ein einzelner Sonntag zwischen Rückflug und erstem Arbeitstag reicht dafür oft nicht.
Ein zusätzlicher freier Tag zu Hause, ohne Verpflichtungen und ohne Besuch, bringt in dieser Phase mehr als ein weiterer Strandtag. Wer diesen Puffer von vornherein einplant, verhindert, dass die Erschöpfung ungebremst in die erste Arbeitswoche rutscht.
Zu Hause bleiben musst du deswegen nicht. Was dir Erholung bringt, sieht nur anders aus als Liegestuhl und Buffet. Ein volles Programm steht dem nicht im Weg. Viele autistische Erwachsene planen jeden Reisetag im Voraus, lesen sich wochenlang in ein Museum oder eine Ausgrabungsstätte ein und kommen von dort begeistert zurück. Worauf es ankommt, ist die Vorhersehbarkeit. Wenn feststeht, was wann passiert, wenn sich Tage wiederholen dürfen und wenn du selbst bestimmst, wann du wieder allein bist, kann eine Reise tatsächlich guttun.
Kommst du erschöpft aus dem Urlaub zurück, bist du deswegen nicht weniger belastbar. Die Reise ist nur falsch zugeschnitten gewesen, und beim nächsten Mal kannst du das anders machen.