Was Stimming ist und wozu es dient
Im Meeting klickt der Kugelschreiber in deiner Hand, unter dem Tisch wippt dein Bein. Solche Bewegungen schleifen sich so ein, dass sie überhaupt nicht mehr auffallen. Erst wenn jemand darum bittet, damit aufzuhören, bemerkst du sie wieder.
Für diese wiederkehrenden Bewegungen hat sich der Begriff Stimming etabliert. Er kommt aus dem Englischen, von self-stimulation, also Selbststimulation. Gemeint sind Bewegungen oder Geräusche, die sich wiederholen, weil sie deinem Körper einen gleichbleibenden und vorhersehbaren Reiz geben. Dieser eine verlässliche Reiz hilft, sich in einer unruhigen Umgebung zu sortieren oder nach einer anstrengenden Situation wieder herunterzukommen.
Entstanden sind solche Bewegungen nicht ohne Grund. Sie helfen beim Konzentrieren und bauen Anspannung ab, und wie stark sie ausfallen, richtet sich nach dem Gefühl dahinter. Bei einer guten Nachricht wippt das Bein schneller, und steigt die Anspannung, wird der Griff um den Stift fester.
Wie sich Stimming zeigt
Bei einem Teil der autistischen Erwachsenen hält sich über Jahre eine einzige Bewegung. Eine Haarsträhne wandert zwischen zwei Fingern immer in dieselbe Richtung, und wer zusieht, hält das für eine Angewohnheit. Bewusst gesteuert wird daran allerdings nichts, die Hand macht das von allein, während die Aufmerksamkeit längst woanders ist.
Die Hände sind nur ein Teil davon. Beim Autofahren summst du über Kilometer dieselbe Tonfolge, ohne dass dir das auffällt, bis der Beifahrer etwas sagt. In der eigenen Wohnung läuft die Runde vom Fenster zur Tür und zurück, immer dieselbe Strecke, während du über einer Sache nachdenkst, die sich nicht auflösen will. Und in der Hosentasche liegt ein Stein, der sich richtig anfühlt, seit acht Jahren derselbe.
Nicht nur Anspannung bringt so eine Bewegung hervor. Bei Freude passiert dasselbe. Kommt eine Zusage, auf die du monatelang gewartet hast, flattern die Hände los, bevor du den Satz zu Ende gelesen hast, und niemand muss dir erklären, dass du dich gerade freust.
Auch mit dem Mund passiert etwas. Ein leises Brummen, das niemand hört, ein Schnalzen mit der Zunge, ein Geräusch, das du irgendwo aufgeschnappt hast und das seitdem zu dir gehört. Über so etwas spricht kaum jemand, weil es sich beim Aussprechen noch merkwürdiger anhört.
Warum Stimming unterdrückt wird und was das kostet
Als Kind hast du gehört, du sollst stillsitzen. Gesagt hat ihn eine Lehrerin, die es gut gemeint hat, und irgendwann hast du das Zappeln gelassen. Wer sich das lange genug antrainiert, merkt später nicht mehr, dass überhaupt etwas unterdrückt wird.
Im Büro sitzt du dann mit flach auf dem Tisch liegenden Händen, weil eine Kollegin einmal wissen wollte, ob dich etwas nervös macht. Seitdem achtest du darauf, und das kostet dich in jeder Besprechung einen Teil der Aufmerksamkeit, die eigentlich dem Thema gehören sollte.
Hältst du die Hände in einer Besprechung bewusst ruhig, fällt dir das Zuhören schwerer, und die Unruhe wandert nach innen. Danach bleibt ein Rest davon zurück, und ob der von der unterdrückten Bewegung kommt oder von der ganzen Situation, lässt sich hinterher nicht mehr auseinanderhalten.
Wie wichtig so eine Bewegung ist, merkst du erst, wenn sie ausfällt. Muss der Ring für eine Untersuchung im Krankenhaus vom Finger, ist der Nachmittag anstrengender als sonst. Die Konzentration fällt schwerer, die Unruhe steigt, und irgendetwas fehlt, ohne dass du es benennen könntest.
Über die Jahre verändert sich das Stimming sowieso. In der Kindheit fällt es deutlicher auf, später hebst du es dir für Momente auf, in denen niemand zusieht, für die Autofahrt oder kurz vor dem Einschlafen. Das Bedürfnis dahinter bleibt davon unberührt.
Stimming bei ADHS
Bei Autismus sorgt Stimming vor allem dafür, dass zu viele Reize wieder in eine Ordnung kommen. Der Supermarkt ist laut gewesen, das Licht grell, und auf dem Heimweg dreht sich der Ring am Finger schneller als sonst. Bei ADHS hält die Bewegung wach. Ohne das wippende Bein sackt die Aufmerksamkeit weg, und der Text auf dem Bildschirm zerfällt nach drei Zeilen in Buchstaben. Sauber trennen lassen sich die beiden trotzdem nicht. Dieselbe Bewegung kann an einem Tag Reize sortieren und am nächsten dafür sorgen, dass du überhaupt bei der Sache bleibst.
Belegt ist das inzwischen ganz gut. Kinder mit ADHS schneiden in Aufgaben zum Arbeitsgedächtnis besser ab, wenn sie sich viel bewegen, und schlechter, wenn sie still sitzen. Das Zappeln ist also kein Nebengeräusch beim Denken, sondern ein Teil davon.
Ausgerechnet dort, wo diese Bewegung gebraucht wird, ist sie am wenigsten erlaubt gewesen. In der Schule hat der Stuhl auf allen vier Beinen zu stehen, und wer kippelt, hört seinen Namen. Kaugummi kauen ist verboten. Solche Sätze kennen autistische Erwachsene auch, bei ADHS ist daraus nur der Zappelphilipp geworden.
Treffen Autismus und ADHS zusammen, laufen beide Antriebe nebeneinander. An einem reizarmen Nachmittag sucht dein Körper Bewegung, und nach einem vollen Tag im Büro braucht er sie, um wieder herunterzukommen. Wer zusieht, bemerkt den Unterschied nicht.
Warum Stimming nicht abtrainiert gehört
Lange Zeit ist Therapie bei Autismus so verstanden worden, dass autistisches Verhalten wegtrainiert werden sollte. Stimming stand weit oben auf der Liste, weil es aufgefallen ist und weil ein ruhiges Kind als Fortschritt galt. Heute gilt das zum Glück als überholt.
Der Grund ist einfach. Die Bewegung ist keine Störung, sondern ein Mittel, mit dem dein Nervensystem sich selbst reguliert. Nimmst du sie weg, ist die Anspannung nicht verschwunden, sie sucht sich nur einen anderen Weg. Wer über Jahre lernt, sich zusammenzunehmen, zahlt dafür mit Erschöpfung.
Eine Umgebung, in der eine Bewegung erlaubt ist, nimmt Druck raus. Ein Fidget auf dem Schreibtisch fällt in einer Besprechung kaum auf und erspart dir die Rechnerei, wie du gerade wirkst. Und wenn du im Homeoffice arbeitest, sieht dir beim Auf- und Abgehen zwischen zwei Telefonaten niemand zu.
Eine Grenze gibt es trotzdem. Unter starker Belastung kann eine wiederkehrende Bewegung wehtun, ohne dass du das beabsichtigt hast, und zum Kratzen oder Zupfen bis aufs Blut ist der Übergang fließend. Spätestens dann braucht es Unterstützung. Nicht um die Bewegung abzustellen, sondern um die Belastung zu senken, die dahintersteckt.
Für alles andere gilt, dass du dir nichts abgewöhnen musst. Eine Bewegung, die dir hilft, ist keine Marotte, die sich mit dem Erwachsenwerden erledigt. Sie ist die Art, wie du seit Jahren mit einer Welt zurechtkommst, die selten leiser wird.

