Porträt einer sensiblen Frau als Symbol für Hochsensibilität

Hochsensibilität ist keine Diagnose, aber…

Warum Hochsensibilität allein oft zu kurz greift

Hochsensibilität zeigt sich im Alltag, nicht als Besonderheit, sondern als Grundzustand.
Geräusche sind da, Licht ist da, Stimmungen im Raum werden wahrgenommen, Reize kommen an, und der eigene Körper reagiert darauf. Das ist nicht spannend oder spektakulär, sondern einfach konstant. Es fühlt sich normal an. Erst im Vergleich mit anderen wird es irritierend. Wenn man merkt, dass andere viel weniger erschöpft sind als man selbst, dass andere schneller wieder bei sich landen und Dinge loslassen können oder einfach wegfiltern, ohne bewusst und lange darüber nachzudenken und ohne sich nachhaltig davon beeinträchtigen zu lassen.

Oft hört man dann den Begriff „Hochsensibilität“. Er wirkt freundlich, zugänglich und erst einmal ziemlich unverdächtig, ohne Störungslabel oder medizinische Schwere. Hochsensibilität beschreibt zunächst eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber inneren und äußeren Reizen. Sie beschreibt Menschen, die Reize intensiver wahrnehmen, schneller überfordert sind und mehr Zeit brauchen, um sich zu regulieren. Geräusche wirken lauter, Licht scheint greller, soziale Situationen sind anstrengender und emotionale Spannungen kaum auszublenden. Auf den ersten Blick wirkt diese Beschreibung oft erstaunlich stimmig.
Wissenschaftlich wird Hochsensibilität meist im Zusammenhang mit dem Temperamentsmerkmal „Sensory Processing Sensitivity“ beschrieben. Gemeint ist eine erhöhte Verarbeitungstiefe sensorischer und emotionaler Reize. Studien zeigen, dass ein Teil der Bevölkerung sensibler auf Umweltreize reagiert und Reize gründlicher verarbeitet als andere. Das Nervensystem springt schneller an und braucht länger, um wieder herunterzufahren. Das ist gut untersucht, aber es ist keine Diagnose im klinischen Sinne. Hochsensibilität taucht weder im ICD noch im DSM auf. Sie beschreibt ein Erleben, aber kein klar abgegrenztes neurobiologisches Störungsbild mit ICD-Code.

Wo sich Hochsensibilität, ADHS und Autismus überschneiden

Und hier beginnt die Abgrenzung zu ADHS und Autismus interessant zu werden. Denn viele der beschriebenen Phänomene überschneiden sich. Reizüberflutung, schnelle Erschöpfung, emotionale Intensität, Schwierigkeiten mit Lärm, Licht oder sozialen Situationen. Der Unterschied liegt weniger im Erleben als in der zugrunde liegenden Struktur. Bei ADHS steht eine Störung der Aufmerksamkeitsregulation und der exekutiven Funktionen im Vordergrund. Das Gehirn filtert Reize nicht effizient, Priorisierung fällt schwer, Impulse werden schlechter gehemmt. Die Reizoffenheit ergibt sich hier weniger aus intensiver Verarbeitung, sondern viel mehr aus einer eingeschränkten Filterleistung.
Bei Autismus geht es um eine grundlegende neurobiologische Besonderheit in Wahrnehmung, sozialer Verarbeitung und Reizverarbeitung. Sensorische Empfindlichkeiten sind hier häufig Teil eines umfassenderen Profils, das auch soziale Kommunikation, Routinen, Interessen und die Art der Informationsverarbeitung betrifft. Reize werden oft nicht nur intensiver, sondern auch qualitativ anders verarbeitet. Das betrifft Geräusche ebenso wie soziale Signale, Ironie, Mimik oder implizite Erwartungen.
Hochsensibilität hingegen bleibt meist auf der Beschreibung sensorischer und emotionaler Intensität stehen. Es gibt keine klar definierten Kernkriterien, keine Entwicklungsgeschichte oder diagnostische Schwellenwerte. Das kann entlastend sein, aber auch problematisch. Entlastend, weil es Menschen erlaubt, ihre Empfindlichkeit ernst zu nehmen, ohne sich sofort im medizinischen System pathologisieren zu müssen. Problematisch, weil relevante neurodivergente Profile dadurch ziemlich oft übersehen werden.
In der Praxis zeigt sich das regelmäßig. Menschen beschreiben sich als hochsensibel, kämpfen aber seit Jahren mit massiver Überforderung, Konzentrationsproblemen, emotionaler Dysregulation oder sozialer Erschöpfung. Sie haben Strategien entwickelt, kompensieren viel, funktionieren nach außen oft erstaunlich gut und zahlen innerlich einen hohen Preis. Hochsensibilität erklärt dann oft einen Teil des Erlebens, aber nicht die ganze Dynamik.
Gerade bei Erwachsenen mit ADHS oder Autismus ist Hochsensibilität häufig Teil des subjektiven Erlebens. Betroffene beschreiben sich selbst als sensibel, reizoffen oder emotional durchlässig. Das ist nicht falsch, es ist nur unvollständig. Die Ursache liegt dann nicht allein in einem sensiblen Temperament, sondern in einer anderen Art der Reizverarbeitung, Aufmerksamkeitssteuerung oder sozialen Wahrnehmung.

Warum Regulation und Erholung oft nicht ausreichen

Ein weiterer Punkt ist die Frage der Regulation. Hochsensible Menschen können in der Regel gut regulieren, aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Rückzug, Ruhe, Struktur und ausreichend Erholungszeit führen oft zu einer deutlichen Stabilisierung. Bei ADHS und Autismus reicht das aber häufig nicht aus. Hier bleiben Regulation und Belastbarkeit auch unter optimalen Bedingungen eingeschränkt, weil die zugrunde liegenden neurobiologischen Mechanismen anders arbeiten, weil zentrale Steuerungsprozesse im Nervensystem anders organisiert sind und Reizverarbeitung, Aufmerksamkeitslenkung und Selbstregulation weniger flexibel ineinandergreifen, sodass Erholung nicht vollständig stabilisiert und Belastung schneller kumuliert.
Das erklärt auch, warum sich manche Menschen trotz aller Selbstfürsorge dauerhaft überfordert fühlen. Sie machen vieles richtig, schlafen ausreichend, meiden Reizüberflutung, strukturieren ihren Alltag, ernähren sich gesund, machen Sport und sind trotzdem ständig am Limit. Hochsensibilität liefert dafür keine ausreichende Erklärung. Eine differenzierte Diagnostik hingegen oft schon, weil sie nicht nur die Intensität der Wahrnehmung beschreibt, sondern auch die zugrunde liegenden Mechanismen der Reizverarbeitung, Aufmerksamkeitssteuerung und Selbstregulation sichtbar macht und erklären kann, warum Erholung trotz geeigneter Strategien ausbleibt oder Belastbarkeit dauerhaft begrenzt ist.
Das bedeutet nicht, dass Hochsensibilität bedeutungslos ist oder abgeschafft gehört. Im Gegenteil. Sie kann ein sehr hilfreicher Einstieg sein, um das eigene Erleben ernst zu nehmen und erste Zusammenhänge zu verstehen. Sie wird erst dann problematisch, wenn sie als Ersatz für differenzierte Diagnostik dient oder komplexe neurodivergente Profile auf ein einziges Merkmal reduziert.

Die Sprache spielt hier eine große Rolle, denn Begriffe strukturieren die Wahrnehmung. Sie können ent-lasten oder be-lasten. Hochsensibilität wird oft gewählt, weil sie weich klingt und keine Schwere mitbringt und an sensible und empathische Menschen denken lässt. ADHS und Autismus sind stärker pathologisch besetzt, klingen medizinischer und sperriger. Die Zurückhaltung gegenüber Begriffen wie ADHS oder Autismus ist nachvollziehbar. Diese Begriffe sind gesellschaftlich stärker belastet, medizinischer aufgeladen und oft mit Vorurteilen verbunden. Viele Menschen haben gelernt, dass damit Defizite, Einschränkungen oder Stigmatisierung einhergehen. Vor diesem Hintergrund wirkt Hochsensibilität als Begriff sicherer, angenehmer und sozial akzeptierter.
Gleichzeitig verhindert diese Scheu vor klaren Begriffen manchmal genau die Entlastung, die eigentlich gesucht wird. Symptome bleiben schwammig und irgendwie diffus, ohne klaren Rahmen und ohne echte Erklärungstiefe, sodass Belastungen weiter individualisiert oder moralisch gedeutet werden, anstatt als Ausdruck einer bestimmten neurobiologischen Funktionsweise verstanden zu werden.

Genauere Diagnostik führt nicht zu einem Urteil über den Wert eines Menschen. Sie ist ein Werkzeug zur eigenen Einordnung und Orientierung und führt zu einem besseren Selbstverständnis. Sie erklärt, warum bestimmte Strategien funktionieren oder eben nicht. Sie schafft Klarheit darüber, wo Grenzen tatsächlich liegen und wo vielleicht unnötige schwere Selbstvorwürfe entstanden sind. Oft ist das erworbene Wissen über sich selbst gar kein Einschnitt, sondern vielmehr eine echte Erleichterung.
Am Ende geht es auch nicht um ein „Entweder, oder.“ Hochsensibilität schließt ADHS oder Autismus nicht aus. Sie kann ein Teil davon sein oder daneben bestehen, sehr oft wird sie als erstes „diagnostiziert“. Entscheidend ist aber, ob das gewählte Konzept das eigene Erleben ausreichend erklärt und ob es zu guten Lösungen führt. Wenn das der Fall ist, erfüllt es seinen Zweck. Wenn nicht, lohnt sich ein genauerer Blick. Nicht um sich festzulegen, sondern um nachvollziehen zu können, wie das eigene Nervensystem funktioniert und ohne den Anspruch, komplexe Zusammenhänge auf ein einzelnes Wort zu reduzieren.