Telefonieren bei Autismus und ADHS – innere Anspannung trotz banal wirkender Situation

Telefonieren bei Autismus und ADHS: Der Endgegner im Alltag

Warum Telefonieren bei Autismus und ADHS so belastend sein kann

Telefonieren gehört zu den Dingen, die im Alltag unglaublich viel Energie kosten können, obwohl es nach außen nach fast nichts aussieht. Kein Weg ist zu laufen, oft gibt es keinen konkreten Termin, man muss den Raum nicht wechseln, hat kein sichtbares Gegenüber und kann dabei auch noch aussehen, wie man will. Man hält sich einfach ein Gerät ans Ohr, spricht ein paar Minuten und macht danach mit dem Alltag weiter. Genau diese scheinbare Harmlosigkeit macht es oft so schwer erklärbar und sorgt gleichzeitig dafür, dass die Belastung, die damit einhergeht, von sich selbst und anderen nicht ernst genommen wird, gerade im Zusammenhang mit Autismus und ADHS.

Ich schreibe darüber nicht aus theoretischem Interesse, sondern weil ich es hasse zu telefonieren. Und das ganz unabhängig von der Situation, dem Thema oder der Person. (Wobei es bei sehr vertrauten Personen oder mit klarem beruflichem Auftrag oft doch möglich ist.) Und ich weiß, dass viele autistische Menschen und viele Menschen mit ADHS dieses Gefühl sehr gut kennen, auch wenn sie es sich lange nicht erlauben, es so deutlich zu benennen oder gar nicht verstehen, warum das eigentlich so ist.

Warum Telefonieren unabhängig vom Inhalt so anstrengend ist

Das Problem liegt dabei selten im Gespräch selbst. Auch nicht unbedingt in der Beziehung zur anderen Person. Was Telefonieren so anstrengend macht, ist das Format. Kommunikation findet statt, ohne dass wichtige visuelle Informationen zur Verfügung stehen, ohne Mimik, ohne Gestik und ohne ein Gefühl für die Stimmung oder Situation des Gegenübers. Gleichzeitig soll man aufmerksam zuhören, zwischen den Zeilen lesen, spontan reagieren, den eigenen Tonfall kontrollieren, und dem Gegenüber seine Zustimmung signalisieren. Man muss Gesprächspausen richtig einschätzen, nicht ins Wort fallen und Informationen sortieren, die ungeordnet und ohne klare Struktur kommen. All das passiert in Echtzeit und ohne Unterbrechung oder die Möglichkeit, kurz innezuhalten oder etwas zu korrigieren. Man hat dafür einfach keine Zeit!

Für viele autistische Menschen bedeutet das eine massive Zusatzbelastung. Kommunikation ohne visuelle Merkmale erfordert deutlich mehr Kompensationsleistung, weil Informationen fehlen, die sonst helfen würden, das Gegenüber einzuordnen und das Gespräch zu strukturieren. Parallel dazu läuft häufig eine innere Selbstüberwachung mit, die prüft, ob das grade Gesagte passend war, ob man zu viel oder zu wenig gesagt hat, ob die Stimme angemessen klang oder ob man gerade wieder etwas übersehen oder versehentlich ganz Schreckliches gesagt hat. Diese zusätzliche Ebene kostet enorm viel Kraft, auch wenn das Gespräch selbst inhaltlich völlig banal erscheint. „Guten Tag, ich muss meinen Zahnarzttermin am Dienstag absagen, können Sie mir einen anderen Termin anbieten?“ Klingt doch total einfach in der Theorie.

Bei ADHS kommt häufig noch eine andere Schwierigkeit hinzu. Telefonate verlangen eine Form von Fokus, die sich auf etwas Unsichtbares richtet, ohne äußere Struktur oder klare Abfolge. Gespräche springen hin und her, Themen wechseln oft, viele Informationen kommen unerwartet und oft ohne erkennbare Ordnung aber mit dem Anspruch der Antwort in Echtzeit. Für viele Menschen mit ADHS ist das schwer, weil Gedanken abschweifen, Details verloren gehen, Fragen auch einfach vergessen werden, die man eigentlich stellen wollte. Nicht selten folgt darauf eine ausgeprägte Erschöpfung, obwohl das Telefonat „nur“ fünf Minuten gedauert hat und wenig dramatisch war.

Was das Telefonieren zusätzlich belastend macht, sind gesellschaftliche Erwartungen. Es gilt als normal, als unkompliziert, sozusagen als niedrigschwellige Form der Kommunikation. Wer ungern telefoniert, gilt schnell als schwierig, unkooperativ oder überempfindlich, „die ist aber komisch“. Dabei hat diese Abneigung meist überhaupt nichts mit mangelndem Willen oder Abwehr des Gegenübers zu tun. Sie ist kein Ausdruck von Faulheit oder Vermeidung der Beschäftigung mit der Thematik, sondern ein Hinweis darauf, dass bestimmte Kommunikationsformen für manche Nervensysteme deutlich anstrengender sind als für andere, denen das überhaupt nichts ausmacht.

Viele Erwachsene, die im Berufsleben wunderbar funktionieren, die komplexe Inhalte schriftlich präzise formulieren können und zuverlässig Verantwortung für Themen übernehmen, scheitern genau an dieser einen lästigen Aufgabe, nämlich daran, einen Termin telefonisch zu vereinbaren oder einen Rückruf zu tätigen. Und das nicht, weil das Anliegen unwichtig wäre, sondern weil bereits der Gedanke an ein Telefonat innerlich Stress auslöst und zu Anspannung, Herzklopfen und Aufschieben führt, gefolgt von schlechtem Gewissen und Selbstkritik, weil man doch eigentlich wissen müsste, dass dieses Telefonat in wenigen Minuten erledigt wäre. (Betroffene verstehen sicher sofort, wieso ein Telefontermin am Nachmittag furchtbar ist und das Handeln den ganzen Tag lang lähmen kann.)

Telefonieren ist aber selten nur Telefonieren. Es bedeutet vor allem eine große Unvorhersehbarkeit, weil man oft nicht weiß, wer abnimmt, in welcher Stimmung die Person ist, wie das Gespräch verlaufen wird, was sie erwartet oder wie schnell Entscheidungen getroffen werden müssen. Häufig wird ein Telefonat intensiv vorbereitet, ganze Sätze werden geplant, mögliche Antworten des Gegenübers antizipiert usw. Die Vorbereitung hilft aber oft nur begrenzt, weil Gespräche selten dem geplanten Ablauf folgen. Für Nervensysteme, die auf Vorhersagbarkeit und Struktur angewiesen sind, ist diese Form der Kommunikation besonders fordernd und geradezu beängstigend.

Wenn Telefonieren zur echten Belastung und Barriere wird

Problematisch wird es vor allem dann, wenn Telefonieren als einzige Option angeboten wird. Wenn Anliegen ausschließlich telefonisch geklärt werden sollen und schriftliche oder persönliche Alternativen fehlen, entsteht für viele eine reale Barriere. In solchen Situationen wird dann nicht selten ganz darauf verzichtet, sich um das Anliegen zu kümmern. Termine werden nicht vereinbart, Rückmeldungen bleiben aus und wichtige Themen werden aufgeschoben. Von außen wirkt das häufig wie mangelnde Eigeninitiative oder Desinteresse, dabei handelt es sich nur um eine Form von Selbstschutz.
Diese Diskrepanz zwischen dem objektiv geringen Aufwand eines Telefonats und dem subjektiv massiven Erleben ist schwer auszuhalten, besonders sich selbst gegenüber.
Man weiß, dass es so einfach lösbar wäre, sein Anliegen zu schildern und erlebt gleichzeitig, wie viel es innerlich kostet. Genau an dieser Stelle kann die Kenntnis über Autismus und ADHS entlastend wirken. Nicht weil Telefonieren dadurch plötzlich leichter würde, sondern weil sich der innere Umgang damit vielleicht verändert. Die Selbstabwertung wird schwächer, das Verhalten lässt sich einordnen und verliert den Charakter eines persönlichen Makels.
Das bedeutet nicht, dass Telefonieren vollständig vermieden werden muss oder sollte. Viele entwickeln Strategien, um damit umzugehen, sei es durch klare Vorbereitung, feste Zeitfenster, kurze Gespräche oder die bewusste Nutzung schriftlicher Kommunikationswege. Entscheidend ist weniger die konkrete Lösung als die Haltung dahinter, nämlich die Anerkennung, dass bestimmte Formen der Kommunikation mehr mentale Ressourcen kosten als andere und dass es keine Schwäche ist, sich dem Telefonieren nicht auszusetzen.

Telefonieren bleibt für viele eine absolute Red Flag. Und das ist auch in Ordnung. Es ist kein Zeichen von Unfähigkeit, wenn etwas unverhältnismäßig anstrengend ist. Es ist vielmehr ein Hinweis darauf, wie unterschiedlich Nervensysteme arbeiten. Es wäre wirklich schon viel gewonnen, wenn Telefonieren nicht länger als selbstverständlich betrachtet würde, sondern als eine Kommunikationsform, die nicht allen gleichermaßen liegt und die trotzdem nichts über Kompetenz, Zuverlässigkeit oder Reife aussagt. „Und wieso eigentlich schreibst du nicht einfach eine E-Mail?!“ Das wäre sogar langfristig nachvollziehbarer und gibt dem Gegenüber die Chance, Dinge zu durchdenken und zu antworten, wenn es zeitlich gut passt.
Ich hasse zu telefonieren immer noch. Der Unterschied ist, dass ich mich dafür nicht mehr abwerte. Ja, vielleicht ein bisschen seltsam, na und. Und allein das verändert mehr, als man zunächst denken würde. Und hilfreich und völlig ok ist es auch, unbedingt notwendige Telefonate an das nähere Umfeld „outzusourcen“, an Menschen, für die es ein Klacks ist.