Vergesslichkeit bei ADHS im Alltag – Dinge gehen verloren, obwohl sie wichtig sind

ADHS: Und die liebe Vergesslichkeit

Vergesslichkeit bei ADHS

Vergesslichkeit, tja, das ist eines dieser ADHS-Themen, über die man lachen oder weinen kann und über die man ungern spricht. Der Schlüssel ist weg, der Termin verpasst, die Nachricht gelesen und dann vergessen zu antworten. Drei Tage später, manchmal auch Wochen, fällt es einem wieder ein, oft in einem völlig unpassenden Moment. Zum Beispiel unter der Dusche oder beim Einschlafen. Man wollte sich doch um dieses oder jenes kümmern oder der Freundin antworten.
Eigentlich klingt das erst einmal recht harmlos. Ein bisschen chaotisch, ein bisschen zerstreut. Nach innen sieht das aber ganz anders aus. Häufig zuckt man zusammen, wenn einem einfällt, was man schon wieder vergessen hat. Und dieses Gefühl ploppt auf, dass man sich schon wieder erklären, entschuldigen oder rechtfertigen muss oder dem Gegenüber versichern muss, dass es wichtig ist.

Vergesslichkeit bei ADHS ist kein Desinteresse

Vergesslichkeit bei ADHS ist kein Zufall und auch kein Zeichen von Desinteresse. Schon gar nichts hat sie mit mangelnder Intelligenz zu tun. Im Gegenteil, viele Menschen mit ADHS haben ein erstaunlich gutes Gedächtnis für Dinge, Gespräche oder Stimmungen, die sie interessieren. Kleine Details aus Büchern oder Serien werden erinnert. Kleinigkeiten, die anderen entgehen.
Das Problem ist nicht das Erinnern an sich, sondern das Behalten von Informationen und deren zuverlässiges Überführen ins Langzeitgedächtnis. Die Schwierigkeit liegt überwiegend in der Funktionsweise des Arbeitsgedächtnisses und der Aufmerksamkeitssteuerung, die bei ADHS unter anderem durch eine veränderte Dopaminregulation nicht stabil genug sind. Informationen werden zwar häufig richtig aufgenommen, aber nicht stabil genug im System gehalten, nicht ausreichend wiederholt oder sinnvoll verknüpft und dadurch nicht zuverlässig ins Langzeitgedächtnis überführt.
Eine zentrale Rolle spielt dabei das Arbeitsgedächtnis. Es ist der Ort, an dem Dinge zwischengelagert werden. Was man gleich noch erledigen wollte, wen man zurückrufen wollte oder dass man den Herd ausmachen muss. Bei ADHS ist dieser Speicher oft schneller überfüllt als bei anderen Menschen. Nicht, weil zu wenig Platz da wäre, sondern weil zu viel gleichzeitig hineinströmt. Gedanken, Reize, Ideen und Eindrücke. Alles kommt ungefiltert an, und irgendetwas fliegt wieder heraus. Meistens genau das, was gerade nicht spannend oder neu genug ist, also Dinge ohne unmittelbare emotionale Bedeutung oder direkte Konsequenz.
Das führt zu dieser speziellen Form der Vergesslichkeit, die viele Betroffene gut kennen. Man weiß, dass etwas wichtig war. Man hat es nicht ignoriert und auch nicht absichtlich beiseitegeschoben. Es ist einfach nicht mehr da. Weg. Als hätte jemand die Tafel abgewischt. Manchmal ist es nicht einmal mehr möglich, sich zu erinnern, dass man überhaupt darüber gesprochen hat.

Vergesslichkeit im Alltag und in Beziehungen

Besonders schwierig wird es im Alltag, da Termine ohne emotionalen Bezug und routinierte Abläufe im ADHS-Gehirn nur eine geringe innere Aktivierung auslösen, dadurch im Arbeitsgedächtnis nicht ausreichend behalten werden und in der Folge leichter wieder aus dem Gedächtnis verschwinden. Dinge wie Geburtstage, Fristen oder Verabredungen. Je weniger ein Gefühl dranhängt, desto schlechter bleibt es hängen. Für Außenstehende ist das oft schwer nachvollziehbar, während es sich für Menschen mit ADHS häufig beschämend anfühlt.
Viele ADHS‘ler:innen entwickeln Strategien, um damit umzugehen. Manche davon sind hilfreich, andere kosten viel Energie, etwa wenn man sich ständig innerlich daran erinnern muss, wichtige Dinge nicht zu vergessen, To-do-Listen immer wieder neu schreibt oder sich selbst permanent kontrolliert, um bloß nichts zu übersehen.
Oft gehört Humor dazu und eine gewisse Selbstironie. Ich bin halt verpeilt. Ich habe ein schlechtes Gedächtnis. Das sagt sich leichter, als jedes Mal umständlich zu erklären, was eigentlich dahintersteckt. Gleichzeitig entsteht dadurch ein Bild, das sich für Betroffene einfach nicht richtig anfühlt.
Vergesslichkeit bei ADHS bedeutet nicht, dass etwas unwichtig ist. Sie bedeutet, dass das ADHS-Gehirn anders sortiert. Nach Relevanz, nach Reiz oder innerer Spannung. Nicht nach festen Terminen und nicht nach gesellschaftlichen Erwartungen. Das führt zu Missverständnissen und nicht selten auch zu Konflikten.
Gerade in Beziehungen wird das Vergessen schnell persönlich genommen, wenn Nachrichten nicht beantwortet werden oder Absprachen verloren gehen. Vergesslichkeit bei ADHS wird von Außenstehenden oft unterschätzt. Für die andere Seite fühlt sich das manchmal wie Gleichgültigkeit an, als ob man nicht wichtig wäre. Für Menschen mit ADHS fühlt es sich oft doppelt hart an. Erst das Vergessen und dann kommen die Schuld und das schlechte Gewissen.

Warum Stress Vergesslichkeit verstärkt

Dazu kommt, dass Vergesslichkeit unter Stress deutlich zunimmt. Je mehr gleichzeitig los ist (und das kann bei ADHS schnell passieren), desto weniger bleibt hängen, vor allem wenn emotionale Belastung, Zeitdruck oder Überforderung dazukommen. Alles Faktoren, die das Arbeitsgedächtnis zusätzlich belasten. Und genau dann wäre Verlässlichkeit eigentlich besonders wichtig. Ein ziemlich ungünstiger Kreislauf.
Viele versuchen, dem mit noch mehr Kontrolle zu begegnen. Sich noch mehr zusammenzureißen, noch strenger mit sich zu sein. Das führt selten zu besseren Ergebnissen. Meist führt es zu Erschöpfung und zu dem Gefühl, nie ganz genug oder gut genug zu sein.
Hilfreicher ist oft ein anderer Blick, eine andere Einstellung dazu. Vergessen nicht als persönliches Versagen zu bewerten, sondern als Teil der eigenen neurodivergenten Funktionsweise. Kalender, Erinnerungen, Listen und feste Ablagen sind keine Schwäche, sondern hilfreiche Werkzeuge, die das Gedächtnis entlasten, ohne es zu ersetzen. Auch das Umfeld kann hilfreich sein. Kannst du mich Dienstag mal daran erinnern, das Buch zurückzugeben
Zudem kann Offenheit sehr entlastend sein. Nicht als Rechtfertigung, sondern als Erklärung. Zu sagen, dass Vergesslichkeit dazugehört. Dass sie nichts über Wertschätzung von Personen aussagt. Dass Dinge manchmal außerhalb des Kopfes gespeichert werden müssen, weil innen gerade kein Platz ist. Viele Menschen reagieren darauf verständnisvoller, als man erwartet. Und manchmal ist sie auch zum Schmunzeln.
Vergesslichkeit bei ADHS verschwindet nicht einfach. Sie wird auch nicht durch gute Vorsätze oder Selbstentwertung geheilt. Sie wird verständlicher und verliert an Schärfe, wenn man aufhört, sie als persönlichen Mangel zu betrachten, sondern vielmehr als Ausdruck einer anderen Art, Informationen zu verarbeiten.
Letztendlich geht es gar nicht darum, immer alles im Griff zu haben. Es geht darum, mit dem eigenen Gehirn zu arbeiten, anstatt gegen es. Und auch darum, sich selbst nicht ständig dafür zu verurteilen, dass dieses Gehirn manchmal andere Prioritäten setzt als feste Termine.