Was Interozeption ist
Der Vormittag ist vorbei, ohne dass du es bemerkt hast. Das Glas steht seit dem Frühstück unberührt neben dem Laptop, das Mittagessen ist ausgefallen, und draußen wird es langsam dunkel. Aufgefallen ist dir davon nichts, bis der Kopf anfängt zu pochen.
Für die Wahrnehmung nach innen steht ein eigener Begriff, die Interozeption. Gemeint ist alles, was dein Körper über sich selbst meldet, von Hunger und Durst über den Herzschlag bis zur vollen Blase. Normalerweise laufen diese Meldungen leise mit und werden erst lauter, sobald sie etwas wollen.
Bei Autismus kommen sie schwächer an oder erst dann, wenn sie sehr deutlich ausfallen. Die Zwischenstufen fehlen, und aus wenig wird ohne Vorwarnung viel. Ein leichtes Ziehen im Magen, das andere zum Kühlschrank schickt, bleibt bei dir unter der Schwelle. Erst wenn der Hunger mit voller Wucht kommt, merkst du, wie lange das schon so geht.
Wie sich das über den Tag zeigt
Am deutlichsten zeigt sich das an der Laune. Gegen halb vier wird alles zu viel, die Mitschülerin redet zu laut, die Aufgabe ist sinnlos, und der ganze Tag war schon von Anfang an verkehrt. Zwanzig Minuten später sitzt du mit einem Brötchen da und die Welt sieht wieder anders aus. Der Zusammenhang fällt dir erst hinterher auf. Beim nächsten Mal läuft es wieder gleich ab.
Mit der Müdigkeit läuft es gleich. Sie meldet sich lange gar nicht und trifft dich dann mit voller Wucht. Der Satz, den du gerade liest, ergibt keinen Sinn, und das Radio in der Küche dröhnt unerträglich laut. Eine Müdigkeit, die langsam zunimmt, kennst du nicht. Eben stehst du noch in der Küche und räumst auf, und kurz darauf reicht die Kraft nicht mehr, die Spülmaschine zu Ende einzuräumen. Der Toilettengang gehört in dieselbe Reihe. Bemerkt wird er spät, und dann sofort dringend, mitten in einer Besprechung, aus der du nicht ohne Weiteres herauskommst. Wer das kennt, plant den Tag irgendwann darum herum, ohne je darüber zu sprechen.
Das Wärme- und Kälteempfinden reiht sich hier ein. Im Winter reicht dir eine dünne Jacke, und der Gedanke an einen Schal kommt gar nicht erst auf. Kalte Hände fallen dir erst auf, wenn sie beim Aufwärmen anfangen zu kribbeln. Und unter der Dusche ist das Wasser längst zu heiß, obwohl der Hahn kaum aufgedreht ist.
Auch beim Schmerz zeigt sich dasselbe Muster. Beim Gemüseschneiden rutscht das Messer ab, und der Schnitt fällt dir erst auf, wenn du das Blut auf dem Brett siehst. Ein verstauchter Knöchel tut weniger weh, als er sollte, und du läufst darauf weiter, bis er am Abend dick ist. Deine Familie erzählt von Stürzen, nach denen das Spielen einfach weitergegangen ist.
Über Wochen summiert sich das. Kopfschmerzen am späten Nachmittag, ein flauer Magen und eine Erschöpfung, für die sich kein Auslöser finden lässt, gehen eher auf zu wenig Wasser und ausgefallene Mahlzeiten zurück als auf den Termindruck, dem du es zuschreibst.
Alexithymie und die Körperwahrnehmung
Ein enger Hals ist noch kein Gefühl, sondern erst einmal eine Körperempfindung. Zu einem Gefühl wird sie, wenn dein Gehirn sie mit der Situation zusammenbringt und ihr einen Namen gibt. Derselbe schnelle Herzschlag heißt vor einer Prüfung Angst und nach dem Treppensteigen gar nichts. Kommen solche Empfindungen nur gedämpft bei dir an, fehlt dem Gefühl die Grundlage, aus der es sonst entsteht.
Beschreiben kannst du dann haargenau, was passiert ist, nur nicht, wie es dir damit gegangen ist. Im Fachbegriff heißt das Alexithymie, auf Deutsch Gefühlsblindheit. Bei einem Teil der autistischen Erwachsenen liegt der Grund dafür in der Körperwahrnehmung, weil die Signale fehlen, aus denen sich eine Emotion sonst zusammensetzt. Verschwunden ist das Gefühl deswegen nicht. Es kommt an, nur ohne Etikett und mit Verspätung.
Erst am nächsten Morgen wird dir eine schwere Stimmung bewusst, ohne dass du sofort weißt, woher sie kommt. Denkst du an den Vorabend zurück, ergibt es Sinn.
Interozeption bei ADHS
Bei ADHS sieht das zunächst ähnlich aus, bloß ist der Grund ein anderer. Die Meldung kommt durchaus an, nur ist die Aufmerksamkeit woanders. Im Hyperfokus verlierst du das Essen aus dem Blick, weil das Thema, mit dem du dich beschäftigst, alles andere überlagert und der Hunger schlicht keine Chance hat, gehört zu werden.
Das Ergebnis unterscheidet sich am Abend kaum. Du stehst um neun in der Küche, bist weinerlich oder gereizt und weißt nicht, warum. Und die letzte richtige Mahlzeit liegt neun Stunden zurück. Treffen Autismus und ADHS zusammen, kommen beide Wege zusammen, und dann wird es noch schwerer, den eigenen Zustand rechtzeitig einzuordnen.
Was hilft, wenn der Körper sich nicht meldet
Warten, bis das Signal kommt, funktioniert also nicht. Besser ist es, die Sache umzudrehen und nicht mehr auf den Körper zu hören, sondern auf die Uhr. Feste Essenszeiten unabhängig vom Hunger klingen unromantisch und ersparen dir das Tief um halb vier.
Dasselbe gilt für alles, was sichtbar ist. Eine Wasserflasche neben der Tastatur wird leerer, eine im Schrank nicht. Ein Wecker um zwölf hilft nur, wenn du ihn nicht wegdrückst, sondern aufstehst und in die Küche gehst. Und ein Vorrat an Essen, das du ohne Vorbereitung essen kannst, bringt dich durch die Tage, an denen Kochen zu schwierig ist.
Weiter hilft eine feste Reihenfolge für die schlechten Momente. Kippt die Stimmung ohne erkennbaren Anlass, geh drei Sachen durch, bevor du dem Gefühl glaubst. Wann hast du zuletzt etwas getrunken, wann zuletzt gegessen, wie lange bist du schon wach. Ziemlich regelmäßig erklärt sich die Sache damit von allein.
Es kann auch hilfreich sein, andere einzuweihen. Weiß deine Partnerin, dass du Hunger spät bemerkst, kommt der Hinweis aufs Essen von allein, und nach kurzer Zeit fühlt sich das nicht mehr nach Bevormundung an.
Sprich das ruhig auch beim Arzt offen an. Wenn du sagst, dass du Schmerzen spät und schwach wahrnimmst, wirkt eine ruhige Schilderung echter. Sonst schließt die Ärztin aus deinem ruhigen Auftreten, so schlimm könne es nicht sein, und die Untersuchung, die nötig gewesen wäre, findet nicht statt.
Und vor allem gilt, dass nichts davon mit Nachlässigkeit zu tun hat. Trinken zu vergessen ist kein Disziplinproblem, sondern die Folge einer Wahrnehmung, die hier anders arbeitet. Wer das für sich einmal verstanden hat, richtet seinen Tag danach ein und hört auf, sich dafür zu verurteilen.

