Kind zeigt einer Erwachsenen eine Zeichnung und schaut beim Erzählen auf das Bild statt in die Augen.

Warum Blickkontakt bei Autismus so anstrengend ist

Zwei Missverständnisse über Blickkontakt bei Autismus

Über kein anderes Merkmal wird so viel Falsches erzählt. Angeblich erkennt man Autismus daran, dass jemand nicht in die Augen sieht, und wer es doch tut, scheidet damit aus. Wer wegschaut, muss sich außerdem anhören, er sei unsicher, unaufmerksam oder habe etwas zu verbergen. Keine dieser Zuschreibungen trifft zu.
Wer redet, sendet ununterbrochen kleine Zeichen, und der Augenkontakt ist eines davon. Normalerweise regelt sich das von selbst, ohne dass jemand darüber nachdenken müsste. Bei dir kann jedes Hinsehen eine Entscheidung sein, die du triffst, während du zuhörst und antwortest.

An der Bäckereitheke dauert das drei Sekunden. Zwei Brötchen bestellen, hinsehen, bezahlen, weg. Auf dem Heimweg fällt dir auf, dass du in diesen drei Sekunden überlegt hast, ob du lange genug hingesehen oder ob du womöglich gestarrt hast. Die Verkäuferin hat davon überhaupt nichts bemerkt und wird sich an nichts erinnern, du denkst noch ewig darüber nach.
Aus dem ersten Missverständnis entsteht ein Zweifel, der lange bleibt. Deiner besten Freundin schaust du ohne jede Mühe in die Augen, also kann an deinem Verdacht, dass du Schwierigkeiten mit Blickkontakt hast, nichts dran sein, denkst du. Warum es bei ihr von allein geht und beim Chef gar nicht, kannst du dir nicht erklären.

Warum Blickkontakt bei Autismus anstrengend sein kann

In einem Gesicht steckt sehr viel Information, und der größte Teil davon sitzt in den Augen. Hinsehen heißt, das alles mitzuverarbeiten, während du zuhörst, antwortest und schon den nächsten Satz vorbereitest. Für ein Nervensystem, das ohnehin wenig herausfiltert, ist das ein weiterer offener Kanal.
Studien dazu zeigen, dass schwierige Aufgaben besser gelingen, wenn die Augen abwandern dürfen. Wegsehen beim Zuhören hat also nichts mit Unhöflichkeit zu tun, es hilft der Konzentration. Wer den Kontakt stattdessen durchhält, bekommt weniger von dem mit, was gerade gesagt wird.
Unangenehm muss sich das übrigens nicht anfühlen. Bei einem Teil der autistischen Erwachsenen klappt der Augenkontakt längst problemlos und zieht trotzdem Aufmerksamkeit ab. Bei ADHS wandern die Augen ähnlich viel, nur seltener zum Entlasten sondern eher, weil im Raum etwas Neues passiert ist. (Aber auch viele Menschen mit ADHS mögen permanenten Blickkontakt nicht gern, besonders wenn sie grade selbst erzählen.)
Wie viel Augenkontakt möglich ist, schwankt außerdem von Tag zu Tag. Nach einer ruhigen Woche läuft eine Unterhaltung, während du den anderen anschaust, ohne Nachdenken. Nach drei vollen Tagen reicht die Aufmerksamkeit nur noch für eines von beidem, Gucken oder Zuhören, und dann gewinnt das Zuhören.

Strategien für schwierigen Blickkontakt

Ein direkter Augenkontakt kann sich viel zu nah anfühlen. Es kommt dir vor, als würde in  dich hineingesehen werden, viel zu intim, richtig unangenehm. Also wanderst du nach ein, zwei Sekunden wieder weg mit dem Blick, oder du siehst von vornherein knapp vorbei, auf die Stirn, auf das Ohr, zwischen die Augen. Für dein Gegenüber sieht das aus wie Hinsehen, und dir nimmt es die Anstrengung.
Wer sich die Sache als Regel zurechtgelegt hat, arbeitet mit Zeit. Zwei Sekunden halten und dann lösen, und nach einem Moment beginnt das von vorn und bloß nicht zu lange schauen. Nach genügend Jahren läuft so ein Schema ohne groß nachzudenken, und du hältst es für deine eigene Art zu kommunizieren.
Manchmal kippt es in die andere Richtung. Wer als Kind gehört hat, er solle gefälligst hinsehen, schaut als Erwachsener länger und fester hin, als es angenehm ist, und bekommt zu hören, er starre. Zwischen zu wenig und zu viel liegt ein schmaler Grat, der nirgends aufgeschrieben ist.
Seit wann das so ist, unterscheidet sich stark. Bei manchen reicht es bis in den Kindergarten zurück, bei anderen fällt der Unterschied erst im Berufsleben auf. Verändert hat es sich über die Jahre von allein, ohne dass du je beschlossen hättest, etwas umzustellen.
Kinder und Tiere machen es leichter. Ein Hund erwartet keinen Augenkontakt nach Regeln, und ein Vierjähriger bemerkt nicht, ob du ihm ins Gesicht oder auf die Mütze siehst. Bei Erwachsenen wird daraus regelrecht eine Prüfung.

Blickkontakt beim Telefonieren und im Videocall

Beim Telefonieren fällt der Augenkontakt komplett weg, aber leichter wird es trotzdem nicht. Was fehlt, sind die Anhaltspunkte. Ein Zögern lässt sich nicht einordnen, weil das Gesicht dazu fehlt, und antworten sollst du sofort. Für viele autistische Erwachsene ist ein Anruf darum das Unangenehmste der ganzen Woche.
Im Videocall lässt sich echter Augenkontakt gar nicht herstellen, so ist die Technik gebaut. Wer in die Augen auf dem Bildschirm sieht, sieht an der Linse vorbei. Wer in die Linse sieht, wirkt auf der anderen Seite zugewandt und sieht selbst niemanden an. Diese Lücke nimmt vielen den Druck, weil niemand prüfen kann, wohin die Augen tatsächlich sehen. Daher ist Online-Telefonie zum Teil viel leichter als das klassische Telefonieren.

Was Blickkontakt bei Autismus leichter macht

Nebeneinander redet es sich leichter als an einem Tisch, an dem ihr euch direkt gegenüber sitzt und ansehen müsst. Auf einem Spaziergang am Kanal entlang läuft eine Unterhaltung über eine Stunde, die am Küchentisch nach zehn Minuten anstrengend geworden wäre. Im Auto passiert dasselbe, und Jugendliche erzählen ihren Eltern auf der Rückbank Dinge, die im Wohnzimmer nie zur Sprache kämen.
Im Beruf helfen Situationen, die das Hinsehen ohnehin unterbrechen. Wer in einer Besprechung mitschreibt, schaut aufs Papier und niemand wundert sich. Ein Bildschirm zwischen zwei Leuten funktioniert ähnlich, weil beide auf dieselbe Tabelle sehen und keiner den anderen mustert.
Auch hilft, es direkt anszusprechen. Ein Satz zu Beginn, dass du beim Zuhören wegschaust und trotzdem zuhörst, nimmt die ganze Deutung heraus. Bei Leuten, mit denen du regelmäßig zu tun hast, reicht das einmal und gilt danach. (Menschen sind sowieso viel toleranter, wenn sie eine Erklärung bekommen.)
Und wenn du überlegst, dich für einen wichtigen Termin zusammenzureißen, mach’s lieber nicht. Ein über Jahre eingeübtes Verhalten lässt sich nicht auf Kommando abschalten, und was du an Konzentration in den Augenkontakt steckst, fehlt dir dort, wo du sie eigentlich brauchst.

Wer mit autistischen Menschen zu tun hat, macht es allen leichter, indem er nicht auf Blickkontakt besteht. Ein Kind zu ermahnen, es solle hinsehen, bringt kein besseres Zuhören, sondern nur ein Kind, das mit dem Hinsehen beschäftigt ist und eigene Bedürfnisse übergeht.
Wie lange und wie regelmäßig du jemandem in die Augen siehst, sagt gar nichts darüber aus, wie gern du mit ihm redest, sondern nur, wie viel in diesem Moment sonst noch zu verarbeiten ist.