Wofür Menschen mit Autismus und ADHS KI benutzen
Zweiundzwanzig Uhr vierzig. Eine Nachricht aus dem Gruppenchat, nur zwei Sätze, aber du liest sie zum sechsten Mal. Gemeint sein kann beides, freundlich oder sarkastisch. Früher hättest du jemanden angerufen und dich dafür geschämt, wegen zwei Sätzen anzurufen. Heute kopierst du sie in ein Chatfenster und fragst, wie genau die Nachricht gemeint sein könnte.
Das ist längst kein Einzelfall. Eine erste Auswertung aus dem Januar 2026 hat knapp viertausend Beiträge autistischer Nutzerinnen und Nutzer durchgesehen durchgesehen. Vier Dinge tauchen darin immer wieder auf. Aufgaben abgeben, Gefühle sortieren, zwischen zwei Kommunikationsstilen übersetzen und die eigene Wahrnehmung bestätigt bekommen.
Bei ADHS liegen die Schwerpunkte anders. Das Übersetzen sozialer Nachrichten fällt weniger ins Gewicht, das Auslagern von Exekutivfunktionen dafür umso mehr. Aufgaben zerlegen, den ersten Schritt finden, aus einem Haufen Gedanken eine Reihenfolge machen. Das Sortieren von Gefühlen kommt bei beiden vor, nur aus verschiedenen Anlässen, bei ADHS oft nach einer Situation, in der eine Bemerkung härter getroffen hat als erwartet. (Die Auswertung selbst hat nur autistische Nutzer angeschaut, der ADHS-Teil stammt aus der Praxis.)
Auffällig ist vor allem, wie unaufgeregt das passiert. Kaum jemand hat sich vorgenommen, KI als Hilfsmittel zu benutzen. Es hat sich ergeben, weil das Werkzeug an den Stellen da war, an denen sonst niemand da ist.
KI als Hilfe bei autistischer Kommunikation
Der häufigste Einsatz läuft in beide Richtungen.
In die eine Richtung auf das Entschlüsseln. Du fügst die mehrdeutige Nachricht ein und lässt dir mögliche Lesarten aufzählen. Nicht, weil dir Ironie fremd wäre, sondern weil in einer geschriebenen Nachricht Tonfall und Gesicht fehlen. Andere füllen diese Lücke automatisch mit einer Annahme und merken gar nicht, dass sie geraten haben. Du merkst es, und daher willst du es genau wissen.
In die andere Richtung läuft das Abmildern. Deine Antwort ist sachlich richtig und liest sich für die andere Seite vielleicht zu schroff. Du kennst das Muster, du weißt aber nicht, welche Stelle genau das auslöst. Also lässt du sie glätten, weichspülen sozusagen. Eine Nutzerin hat das so beschrieben, dass sie ChatGPT benutzt, um ihre Worte menschlicher klingen zu lassen. (Der Satz hat es bis in den Titel der Arbeit geschafft, weil die Ironie darin so schön auffällt.)
Was dabei passiert, ist im Kern nichts Neues. Diese Übersetzungsarbeit läuft bei vielen autistischen Erwachsenen seit Jahrzehnten, nur eben im eigenen Kopf und auf eigene Kosten. Neu ist, dass ein Teil davon ausgelagert werden kann.
Warum KI bei ADHS und Exekutivfunktionen helfen kann
Bei ADHS liegt der Nutzen woanders. Dort geht es seltener ums Entschlüsseln und häufiger ums Anfangen.
Eine Aufgabe, die als Block dasteht, lässt sich nicht gut beginnen. Steuererklärung, Umzug oder der Widerspruch beim Versorgungsamt. Was fehlt, ist nicht die Fähigkeit, sondern der erste Schritt. Und genau diesen kannst du dir jetzt in zwanzig Sekunden ausgeben lassen, in fünf Teilschritten, mit dem kleinsten zuerst.
Beim Schreiben ist es ähnlich. Vor einer leeren Seite zu sitzen, ist etwas völlig anderes, als einen fertigen Entwurf zu verbessern. Lass dir diesen also schreiben, auch wenn er schlecht ist. Aus Schreiben wird dann Korrigieren, und Korrigieren geht fast immer.
Und dann ist da noch etwas, das selten ausgesprochen wird. Vor einem Chatfenster musst du dich nicht schämen. Du kannst schreiben, dass du es seit drei Wochen nicht schaffst, diesen Brief zu schreiben. Kein Gesicht, das kurz zusammenzuckt, und niemand will wissen, warum das denn so schwer sei. (Wer oft genug gehört hat, er solle sich zusammenreißen, weiß, wie viel das ausmacht.)
KI als Gesprächspartner um drei Uhr nachts
Der Teil, über den am meisten gestritten wird, ist der, bei dem Menschen die KI wie eine Therapeutin benutzen. Und ehrlicherweise ist ziemlich klar, warum das passiert.
Um drei Uhr nachts ist niemand sonst erreichbar. Auf einen Therapieplatz wartest du in Deutschland Monate, auf einen Diagnostiktermin oft noch länger. Das Chatfenster ist sofort da, kostet nichts und stellt keine Bedingungen.
Dazu kommen ein paar Eigenschaften, die für autistische Menschen wirklich passen. Du schreibst, statt zu sprechen. Es gibt keinen Blickkontakt, keinen Smalltalk vorher und kein Ende nach fünfzig Minuten. Du kannst dieselbe Sache zwanzigmal von verschiedenen Seiten durchgehen, ohne dass jemand ungeduldig wird. Du kannst Wörter suchen, so lange du willst.
Dass viele das als entlastend erleben, ist keine Einbildung und auch kein Zeichen dafür, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Es zeigt eher, was in der Versorgung fehlt.
Wo KI bei Autismus und ADHS an ihre Grenzen kommt
Jetzt der Teil, der eher ungünstig ist.
Sprachmodelle neigen dazu, zuzustimmen. Fachleute nennen das „Sycophancy“, und es fühlt sich super an. Du erzählst deine Sicht, und was zurückkommt, bestätigt sie. Das ist aber nicht das, was Therapie ausmacht. Therapie heißt auch, dass dir jemand widerspricht, dass du an einer unangenehmen Stelle bleiben musst und dass jemand merkt, wenn deine Erklärung nicht stimmt. Ein Modell, das dir nach dem Mund redet, verstärkt eine schiefe Sicht, statt sie zu korrigieren.
Der zweite Punkt betrifft Krisen. Ein Chatbot erkennt nicht verlässlich, wann es ernst wird. Er sieht dich nicht, er hört deine Stimme nicht, und er kann niemanden anrufen. Wenn dir Gedanken kommen, nicht mehr weitermachen zu wollen, gehört das nicht in ein Chatfenster. Die Telefonseelsorge erreichst du rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, kostenlos und anonym.
Und der dritte Punkt ist der, den die Studienteilnehmer selbst am stärksten beschrieben haben. Wenn jede Nachricht und jeder schwierige Satz erst durch das Modell läuft, kommt am Ende nicht mehr deine Sprache an. Die Befragten haben dafür einen treffenden Ausdruck gefunden und es das ultimative Masking genannt. Eine perfekte, glatte Fassung, in der von dir selbst wenig übrig ist. Wer jahrelang daran gearbeitet hat, weniger zu maskieren, macht damit einen Teil davon rückgängig.
Wie du KI bei Autismus und ADHS sinnvoll nutzen kannst
Lass die KI prüfen statt schreiben. Frag, an welcher Stelle deine Nachricht schroff wirkt, statt dir eine neue schreiben zu lassen. Dann lernst du das Muster mit und behältst deinen Ton. Nach ein paar Monaten brauchst du für dieselbe Art von Nachricht keine Hilfe mehr, und das ist der eigentliche Gewinn.
Fordere Widerspruch ausdrücklich an. Ein Satz wie, nenn mir drei Gründe, warum meine Einschätzung falsch sein könnte, verändert die Antwort komplett. Ohne diese Aufforderung bekommst du nur Zustimmung.
Achte darauf, ob das Chatfenster der einzige Ort ist, an dem du ehrlich bist. Wenn du Dinge nur noch dort erzählst und sonst niemandem, ist das kein gelöstes Problem, sondern ein geschrumpfter Kreis von Menschen, denen du vertraust.
Und denk daran, wo deine Texte landen. Was du einfügst, verlässt dein Gerät. Befunde, Diagnosen, Namen von Freunden, Details aus deiner Familie, all das lässt du besser draußen.
KI ersetzt keine Therapie und keine Diagnostik. Sie nimmt dir aber einen riesigen Teil der Arbeit ab, die dich seit Jahren zusätzlich beschäftigt, und dafür ist sie brauchbarer als alles, was es vorher gab.
Studie zur KI-Nutzung bei Autismus
Die Begriffe und Zahlen in diesem Text stammen aus einer Arbeit, die im Januar 2026 erschienen und im Juli 2026 auf der ACM Interactive Health Conference vorgestellt worden ist.
„I Use ChatGPT to Humanize My Words“. Affordances and Risks of ChatGPT to Autistic Users. arXiv 2601.17946, DOI 10.1145/3786579.3804943. Frei lesbar unter arxiv.org/abs/2601.17946
Durchgesehen wurden 3.984 Beiträge aus sozialen Medien von Menschen, die sich selbst als autistisch beschreiben. Daraus sind vier Nutzungen und drei Risiken herausgearbeitet worden. Der Ausdruck vom ultimativen Masking stammt von den Nutzern selbst.
Es handelt sich um eine vorläufige Arbeit, die als Poster vorgestellt worden ist, nicht um eine abgeschlossene Studie mit klinischer Stichprobe. Die Beiträge stammen von Menschen ohne gesicherte Diagnose. Als erster Hinweis auf ein sehr junges Thema ist die Studie gut brauchbar. Verallgemeinern lässt sich daraus aber noch nichts.

