Frau sitzt im Schneidersitz zwischen Büchern und zahlreichen Pflanzen und liest konzentriert über Botanik.

Monotropismus bei Autismus und ADHS: Warum du nicht einfach umschalten kannst

Monotrope Aufmerksamkeit als Erklärungsmodell für Autismus

Die meisten Erklärungsmodelle für Autismus stammen von Leuten, die selbst nicht autistisch sind. Monotropismus ist eine der wenigen Ausnahmen. 2005 haben Dinah Murray, Mike Lesser und Wenn Lawson dazu einen Aufsatz veröffentlicht, und zwei der drei Autoren sind selbst autistisch gewesen. Vermutlich ist das Modell deswegen so gut zu gebrauchen. Es beschreibt nicht, wie autistisches Verhalten von außen wirkt, sondern wie es sich von innen anfühlt.

Was Monotropismus bei Autismus bedeutet

Aufmerksamkeit ist begrenzt. Jeder hat davon eine bestimmte Menge, und die muss sich auf das aufteilen, was gerade läuft.
Bei den meisten verteilt sie sich breit und flach. Beim Kochen läuft das Radio, im Kopf läuft schon der morgige Tag, und nebenbei fällt auf, dass es im Kinderzimmer verdächtig still geworden ist. Jede dieser Sachen bekommt einen kleinen Teil der Aufmerksamkeit und keine davon die volle. Für diese Verteilung gibt es den Begriff polytrop.
Bei dir läuft es vielleicht andersherum. Die Aufmerksamkeit geht in wenige Sachen und dort sehr tief. Was in diesem Kanal liegt, nimmst du sehr viel feiner wahr als andere. Was außerhalb liegt, bekommst du dagegen kaum mit.

Nimm die Zimmerpflanzen am Fenster. Wer polytrop wahrnimmt, sieht grüne Blätter und merkt es, wenn eine Pflanze eingeht. Wer monotrop in diesem Kanal steckt, sieht an der Blattkante, ob zu viel oder zu wenig gegossen worden ist, erkennt die ersten Spinnmilben an drei Fäden in der Blattachse und weiß, dass die Monstera seit dem Umtopfen anders steht als vorher. Dieselbe Fensterbank, zwei völlig verschiedene Mengen an Information.

Monotrop bedeutet also nicht, dass dir etwas fehlt. Es ist dieselbe Menge, nur anders aufgeteilt. Du nimmst insgesamt nicht weniger wahr. Es sind nur wenige Sachen zur selben Zeit, und von denen dafür sehr viel.
Entwickelt worden ist das Modell für Autismus, und dort passt es am besten. Bei ADHS ist etwas sehr Ähnliches zu sehen, nur entsteht es auf einem anderen Weg. Dazu weiter unten mehr.

Warum Unterbrechungen bei Monotropismus so anstrengend sind

Bis du in so einem Kanal drin bist, dauert es. Bei manchen zehn Minuten, bei anderen eine halbe Stunde, und vorher fühlt es sich zäh an. Erst danach läuft es.
Herausgeholt wirst du dagegen innerhalb einer Sekunde. Du sitzt auf dem Boden, vor dir Blumenerde, Perlite und Pinienrinde, und mischst seit einer Weile ein Substrat. Jemand steht in der Tür und sagt drei Wörter. Damit ist der Kanal zu. Die Zeit, die du zum Hineinkommen gebraucht hast, ist weg, und beim nächsten Versuch fängst du von vorn an.

Das erklärt eine Reaktion, für die sich viele ihr Leben lang entschuldigt haben. Die Gereiztheit, wenn jemand dazwischenkommt, richtet sich nicht gegen die Person. Sie kommt daher, dass etwas weggerissen wurde, das mühsam aufgebaut war. Von außen sieht es aus wie schlechte Laune wegen einer Kleinigkeit.
Was andere für Sturheit halten, hat denselben Grund. Ein Plan, der umgeworfen wird, ist nicht nur ein anderer Plan. Du musst dafür erst aus dem einen Kanal heraus und dann in den nächsten hinein, und diese Strecke ist bei dir vielleicht länger als bei anderen. Die zwei Stunden, die du brauchst, bevor am Nachmittag Besuch kommt, sind keine Umständlichkeit. Das ist die Umschaltzeit.

Bei ADHS kommt die Unterbrechung zusätzlich von innen. Da muss niemand in der Tür stehen. Ein einziger Gedanke an etwas anderes reicht, und der Kanal ist zu. Wer beides hat, kennt beide Varianten und kann sich selten aussuchen, welche gerade dran ist.

Warum Spezialinteressen bei Autismus so intensiv werden können

Hier wird das Modell richtig brauchbar, denn es dreht die übliche Erklärung um.
Normalerweise wird das so erklärt, dass autistische Menschen eben besonders starke Interessen haben. Die Begeisterung gilt als Ursache und das ganze Wissen als Folge davon.
Mit Monotropismus gedacht läuft es umgekehrt. Nicht die Begeisterung ist größer, sondern es stehen von vornherein weniger Kanäle zur Verfügung. Was einmal in einem davon gelandet ist, bekommt über Jahre fast die gesamte Aufmerksamkeit ab. Nicht weil du dich dafür entschieden hättest, sondern weil daneben kaum etwas anderes Platz findet.

Pflanzen sind dafür ein dankbares Thema, und zwar aus mehreren Gründen. Sie verändern sich langsam genug, dass du Veränderungen wirklich verfolgen kannst. Sie stellen keine sozialen Anforderungen. Sie haben ein Ordnungssystem mit Gattungen und Arten, in das sich alles einsortieren lässt. Und sie belohnen Genauigkeit, weil eine Alocasia tatsächlich anders reagiert als ein Bogenhanf, wenn du das Gießen umstellst.
Nach fünf Jahren weißt du dann, warum eine Grünlilie mit hartem Leitungswasser braune Spitzen bekommt und eine Calathea nicht nur braune Spitzen, sondern gleich eingerollte Blätter. Du kennst die botanischen Namen und ärgerst dich über die Handelsnamen.

Das erklärt auch, warum so ein Thema beruhigt. Ein vertrauter Kanal verlangt keine Umschaltarbeit. Nach einem Tag mit zu vielen Leuten ist eine Stunde am Fenster mit der Sprühflasche keine Freizeitbeschäftigung, sondern die erste Stunde an diesem Tag, in der du dich nicht umstellen musst.

Monotropismus und Hyperfokus bei ADHS im Unterschied

Von außen sehen beide Zustände identisch aus. Du sitzt sechs Stunden über einer Sache, vergisst zu essen und auf Toilette zu gehen und bist für niemanden ansprechbar.
Der erste Unterschied betrifft die Dauer, und am Thema Pflanzen lässt sich das gut sehen. Bei ADHS kommen innerhalb von drei Wochen fünfzehn Pflanzen ins Haus, dazu eine Anzuchtstation, ein Hygrometer und Substrat für achtzig Euro. Es wird recherchiert bis nachts um zwei, und es ist tatsächlich alles davon interessant. Zwei Monate später steht die Hälfte vertrocknet auf der Fensterbank. Nicht aus Enttäuschung und auch nicht, weil es egal geworden wäre, sondern weil das Neue des Themas aufgebraucht ist und die Aufmerksamkeit nun woanders steckt.
Bei Autismus steht dieselbe Sammlung dreißig Jahre später immer noch am Fenster. Angefangen hat sie in der Grundschule, dieselbe Sorte, derselbe Platz, inzwischen in der dritten Generation aus eigenen Stecklingen.

Der zweite Unterschied betrifft die Bedingung. ADHS-Aufmerksamkeit braucht Belohnung, Neuheit oder Dringlichkeit. Ist eines davon da, läuft sie stundenlang. Ohne das bekommst du keine zwanzig Minuten zusammen, auch wenn du es willst und die Sache längst überfällig ist. Eine seltene Hoya nachts um zwei zu bestellen, ist neu und aufregend, das geht sofort. Eine Pflanze umzutopfen, deren Topf seit Monaten zu klein ist, ist weder neu noch dringend, und deswegen passiert es einfach nicht.

Der dritte betrifft die Stabilität. Ein monotroper Kanal hält, bis von außen jemand dazwischengeht. Bei ADHS muss niemand etwas tun. Es genügt, dass jemand durch die Küche geht, und die Aufmerksamkeit ist weg.

Und jetzt der Teil, der beim Einordnen tatsächlich wichtig ist. Monotropes Erleben allein sagt nichts darüber, ob jemand autistisch ist oder ADHS hat. Dass du stundenlang in einer Sache versinkst und dich schlecht herausholen lässt, passt auf beides.
Weiter kommst du mit den drei Punkten von oben. Für Autismus spricht, wenn dieselben Themen dich über Jahrzehnte zuverlässig hineinziehen und wenn der Kanal hält, bis jemand dazwischengeht.
Für ADHS spricht, wenn es jedes halbe Jahr ein anderes Thema ist, wenn Neuheit oder Dringlichkeit dazugehören müssen und wenn die Aufmerksamkeit schon bei einer Bewegung im Raum abreißt.

Ob es Autismus oder ADHS ist, zeigt sich an den übrigen Merkmalen und nicht nur an dieser Art der Aufmerksamkeit. Sensorische Besonderheiten und Schwierigkeiten beim Entschlüsseln sozialer Situationen gehören zu Autismus. Impulsivität, Vergesslichkeit und ständig verlegte Sachen gehören zu ADHS.
Wer beides hat, bekommt die ungünstigste Mischung. Die Bindung an ein Thema geht tief, und trotzdem kommst du nicht verlässlich hinein. An einem Tag sitzt du acht Stunden an derselben Sache, am nächsten bekommst du keine zwanzig Minuten davon zusammen. Wer das an sich beobachtet, hält sich schnell für faul oder unzuverlässig, weil es ja offensichtlich ginge.

Warum Monotropismus soziale Situationen anstrengend machen kann

Bisher ging es um einzelne Unterbrechungen, also um den Moment, in dem jemand dazwischenkommt. In einer Runde mit mehreren Leuten ist dieses Umschalten kein Einzelfall mehr, sondern läuft durchgehend.

Eine Unterhaltung mit vier Leuten am Tisch verlangt eine Menge auf einmal. Mitverfolgen, wer wem antwortet. Die Stimmlage einordnen. Die eigene Mimik im Auge behalten. Den eigenen Beitrag vorbereiten und den Moment abpassen, an dem er hineinpasst. Und nebenbei das Besteckklappern ausblenden.
Für eine breit verteilte Aufmerksamkeit ist das machbar, weil jeder Punkt nur ein bisschen bekommt. Für eine monotrope Aufmerksamkeit ist es eine Zumutung, weil sie dafür ständig zwischen Kanälen springen muss. Und jedes Springen macht müde.
Zu zweit fällt das weg. Ein Mensch, ein Kanal, und auf einmal läuft eine Unterhaltung über drei Stunden, die zu sechst nach vierzig Minuten unerträglich geworden wäre. Das ist keine Menschenscheu und hat nichts damit zu tun, wie gern du die Leute magst.
Nebenbei erklärt das den Zustand nach einer Feier. Du bist nicht erschöpft, weil du geredet hast. Du bist erschöpft, weil du vier Stunden lang alle paar Sekunden umgeschaltet hast.

Bei ADHS strengt derselbe Abend an, nur liegt es an etwas anderem. Nicht das Umschalten macht dich hier fertig, sondern jeder Reiz im Raum. Am Nebentisch wird gelacht, hinten geht die Tür, und dreimal hintereinander ist der Faden weg. Hinterher weißt du, dass es nett war, könntest aber kaum sagen, worüber geredet wurde.

Was bei monotroper Aufmerksamkeit und schwierigen Übergängen helfen kann

Am meisten bringt es, Übergänge vorher anzukündigen. Wenn jemand zehn Minuten vorher sagt, dass gleich Schluss ist, kommst du damit zurecht. Wenn dieselbe Person ohne Vorwarnung sagt, du sollst sofort kommen, nicht. Wer mit dir zusammenlebt, kann das lernen, und es gehört zu den wenigen Sachen, die sofort etwas ändern.

Für dich selbst heißt das, große Sachen in wenige lange Blöcke zu legen statt in viele kurze. Jedes Mal, wenn du neu anfängst, brauchst du wieder deine zehn Minuten oder deine halbe Stunde, bis du drin bist. Wer sich dieselbe Arbeit auf fünf Abende aufteilt, verliert diese Zeit also fünfmal.
Vier Termine über den Tag verteilt sind trotzdem anstrengender als vier Termine hintereinander. Umstellen musst du dich in beiden Fällen viermal. Verteilt kommen aber die Lücken dazwischen dazu, die zu kurz sind, um etwas anzufangen, und in denen du deswegen den ganzen Tag im Wartezustand bleibst.
Es hilft außerdem, den Ausstieg vorzubereiten. Schreib dir auf, wo du weitermachen willst, bevor du aufhörst. So ist die Arbeit nicht verloren, und die nächste Unterbrechung verliert einen Teil ihres Schreckens.

Bei ADHS liegt der Hebel eher am Anfang als am Ende. Dort geht es darum, überhaupt anzufangen, und dabei helfen künstliche Bedingungen. Ein Wecker, jemand, der mit am Tisch sitzt und selbst etwas arbeitet, eine Frist, die früher liegt als die echte. Wer Autismus und ADHS hat, braucht beides, also eine Starthilfe vorn und einen angekündigten Ausstieg hinten.
Und es hilft, die Leute einzuweihen, mit denen du regelmäßig zu tun hast. Ein Satz reicht. Dass du eine Weile brauchst, bis du aus einer Sache heraus bist, und dass es nichts mit ihnen zu tun hat. Die meisten sind damit vollkommen entspannt, sobald sie wissen, woran es liegt. Vorher haben sie sich nämlich gefragt, ob du sauer bist.

Seit 2023 gibt es dazu auch einen Fragebogen, den Monotropism Questionnaire (https://dlcincluded.github.io/MQ/). Die Aussagen darin stammen von autistischen Erwachsenen selbst, und in der ersten größeren Untersuchung mit gut 1100 Teilnehmern haben autistische Menschen deutlich höher gelegen als nicht-autistische. Ein Diagnoseinstrument ist er trotzdem nicht, und eine geprüfte deutsche Fassung gibt es bisher auch nicht. Monotropismus bleibt ein Modell, also keine Erklärung für alles.
Was es kann, ist eine ganze Reihe von Sachen mit einem einzigen Gedanken verbinden, die vorher unzusammenhängend nebeneinandergestanden haben. Warum du Termine nicht magst. Warum du über Substratmischungen stundenlang reden kannst. Warum dich eine Feier auslaugt, obwohl du dich gut amüsiert hast. Warum das Wort Sturheit bei dir nie gepasst hat.

Deine Aufmerksamkeit ist nicht kleiner als die der anderen. Sie liegt nur an weniger Stellen und dafür tiefer, und das Umschalten dauert länger.