Liegt hier Autismus oder liegen autistische Züge vor
Relativ viele Menschen stellen sich irgendwann die Frage, ob bei ihnen Autismus vorliegen könnte. Sie bemerken zum Beispiel Kommunikationsschwierigkeiten mit anderen Menschen, soziale Hemmnisse oder eine mangelnde Flexibilität im Tagesablauf. Gespräche wirken komplizierter als erwartet, soziale Situationen kosten viel Energie oder fühlen sich unübersichtlich an. Schnell taucht dann die Frage auf, ob diese Erfahrungen auf Autismus hinweisen oder ob es sich eher um einzelne autistische Züge handelt. In der Fachliteratur wird dafür auch der Begriff Broad Autism Phenotype verwendet. Genau diese Unterscheidung gehört zu den zentralen Fragen in der Autismus Diagnostik und wird in einer gründlichen Abklärung immer sehr genau betrachtet.
Wann spricht die Diagnostik für Autismus und wann nicht
Am Ende läuft eine Autismus Diagnostik häufig auf eine relativ klare Frage hinaus. Sind die diagnostischen Kriterien erfüllt oder nicht. Grundlage dafür sind die internationalen Klassifikationssysteme ICD 10, ICD 11 und DSM 5. In diesen Systemen wird beschrieben, welche Merkmale vorhanden sein müssen, damit von Autismus gesprochen werden kann. In der Diagnostik werden deshalb verschiedene Bereiche sehr genau untersucht. Dazu gehören vor allem die wechselseitige soziale Interaktion, die soziale Kommunikation sowie repetitive oder stark strukturierte Verhaltensweisen. In Testverfahren wie dem ADOS 2 oder dem ADI R wird versucht, diese Bereiche möglichst objektiv zu erfassen. Wenn nur einzelne Aspekte vorhanden sind, zum Beispiel soziale Unsicherheit ohne weitere typische Merkmale, spricht dies eher gegen Autismus. Dann können andere Faktoren im Vordergrund stehen. Dazu gehören etwa soziale Ängste, depressive Symptome oder zwanghafte Verhaltensmuster. Diese können allerdings auch zusätzlich zu Autismus auftreten.
Warum autistische Verhaltensweisen auch bei neurotypischen Menschen vorkommen können
Auch neurotypische Menschen zeigen Verhaltensweisen, die auf den ersten Blick autistisch wirken können. Ein typisches Beispiel ist Smalltalk. Viele Menschen mögen Smalltalk nicht besonders. Der Grund dafür unterscheidet sich jedoch häufig deutlich. Neurotypische Menschen empfinden Smalltalk eher als unangenehm, weil sie nicht im Mittelpunkt stehen möchten oder Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Für viele autistische Menschen fühlt sich Smalltalk dagegen oft schlicht sinnlos an. Gespräche ohne klaren Informationsgehalt wirken langweilig oder irritierend. Ähnliches zeigt sich beim Telefonieren. Auch hier berichten viele neurotypische Menschen von Unsicherheit, weil sie nicht wissen, was sie erwartet oder spontan reagieren müssen. Bei Autismus können zusätzlich Schwierigkeiten auftreten, Gesprächspausen einzuschätzen, Sprecherwechsel zu erkennen oder den richtigen Zeitpunkt zum Antworten zu finden.
Unterschiede im Alltag zwischen Autismus und autistischen Zügen
Auch der Wunsch nach Rückzug ist kein eindeutiges Zeichen für Autismus. Viele Menschen verbringen gerne Zeit alleine und fühlen sich wohl mit sich selbst. Freundschaften können als anstrengend empfunden werden, selbst wenn keine Depression vorliegt. Der Unterschied zeigt sich häufig erst dann, wenn der Wunsch nach sozialem Kontakt tatsächlich vorhanden ist. Neurotypische Menschen wissen in der Regel intuitiv, wie sie Freundschaften aufbauen können. Sie kennen die sozialen Regeln dafür und können sie relativ flexibel anwenden. Autistische Menschen berichten dagegen häufig, dass sie sich zwar verbunden fühlen möchten, der praktische Aufbau von Beziehungen jedoch schwierig bleibt. Regelmäßige Treffen, spontane Gespräche oder das Einhalten sozialer Erwartungen können viel Energie kosten. Für manche autistische Menschen ist das Gefühl von Verbundenheit wichtiger als häufige persönliche Treffen.
Warum eine ausführliche Anamnese in der Autismus Diagnostik entscheidend ist
In vielen diagnostischen Verfahren wird mit sogenannten Cut off Werten gearbeitet. Das bedeutet, dass bestimmte Grenzwerte erreicht werden müssen, damit ein Ergebnis als auffällig gilt. Liegt eine Person knapp unter diesem Wert, wird das Ergebnis formal als unauffällig gewertet. Genau hier zeigt sich jedoch die Bedeutung einer ausführlichen Anamnese. Besonders bei erwachsenen Frauen kommt es häufig vor, dass sie sehr anpassungsfähig sind und viele soziale Strategien entwickelt haben. Sie wirken im Gespräch empathisch und sozial kompetent, obwohl gleichzeitig erhebliche innere Anstrengung erlebt wird. In solchen Fällen können einzelne Tests unauffällig erscheinen, obwohl die Lebensgeschichte und das aktuelle Erleben deutlich auf Autismus hinweisen.
Zusammenfassung wann autistische Züge noch kein Autismus sind
Einzelne autistische Verhaltensweisen können auch bei neurotypischen Menschen auftreten. Smalltalk ablehnen, sich gerne zurückziehen oder feste Routinen mögen bedeutet noch nicht automatisch Autismus. Entscheidend ist das Gesamtbild. Erst wenn mehrere zentrale Bereiche gemeinsam betroffen sind und diese Merkmale das Leben dauerhaft prägen, spricht die Diagnostik eher für Autismus. Genau deshalb ist eine sorgfältige und umfassende Abklärung so wichtig. Nur durch die Kombination aus Testverfahren, ausführlicher Anamnese und klinischer Erfahrung lässt sich zuverlässig unterscheiden, ob tatsächlich Autismus vorliegt oder ob lediglich einzelne autistische Züge vorhanden sind.

